Die Visite

15 Juli

Um kurz nach 8 kommt das Frühstück (kein Foto, 1 Brötchen, 1 kleine braune Banane, Getränk nach Wunsch), kurz danach kommt der Oberarzt. Er wirkt jovial „… mal schauen, wie es dem Patienten geht“. Ich habe kurz zuvor in meinem Buch gelesen, dass sich Menschen nicht so gerne von einer vorgefassten Meinung verabschieden. Ich bin also sehr freundlich und sage ihm, dass ich nach Hause muss. Da ich weiß, dass auch etwas schief gehen kann, sage ich ihm, dass ich heute Feriengäste bekomme … Der Herr Oberarzt ist etwas ungehalten. Er ist der Ansicht, dass nur das medizinische Fachpersonal darüber entscheiden darf wann ein Patient entlassen wird. Ich mache ein betretenes Gesicht. Er fragt dann doch, wann die Gäste kommen und wo ich hin muss. Er drückt dann mit Fleiß Gerinsel aus dem Katheter. Es sieht aber dann danach aus, dass wir uns noch einigen. Ich lerne noch einiges über die Situation in der Urologie, bekomme einen neuen Spülbeutel auf höherer Geschwindigkeit, dann verabschiede ich den Herrn Oberarzt höflich mit Dank und korrekter Anrede.

Bleibt dran für aktuellen Content.

Ich habe weiter Zeit Frauenprofile zu X-en oder nach links zu wischen.

9.30 Uhr. Der Spülbeutel wird geleert. Dir Stationsschwester ist voll nett und ist instruiert den Katheter raus zu machen, wenn die Spülung durchgelaufen ist. Es sieht alles ganz gut aus.

Ich schreibe das hier aus ganz verschiedenen Gründen. Zum einen ist mir weniger langweilig wenn ich schreibe. Ich schreibe das, um meine Erlebnisse zu konservieren, um es ggf. selbst mal nachlesen zu können. Falls es euch interessiert, dürft ihr es auch gerne lesen. Sind keine Geheimnisse dabei.

9.45 Uhr gerade kam eine ältere Ehrenamtsdame. Sie fragte, ob jemand etwas braucht. Mir fiel nichts anderes ein, also trank ich meinen Kaffee aus und fragte, ob ich noch einen Kaffee haben könne. Sie brachte mir einen und darauf unterhielt ich mich noch ein wenig mit ihr über ihre Arbeit. Das war interessant und eine schöne Abwechslung.

10:20 Uhr Die Spülung ist durch, ich drücke den Knopf. Und warte. Vielleicht ist Frühstückspause oder die Schwester beschäftigt oder Dienstbesprechung. Im Fernsehen läuft ein Krimi. Die Schwester kommt nach einer Viertelstunde. Katheter ist jetzt raus. Jetzt muss ich viel trinken …

11.28 Uhr. Die nette Schwester kommt und erzählt, dass der Entlassungsbrief fertig gemacht wird.

13.25 Uhr. Ich bin wieder am wunderschönen Tressower See. Naja … so wirkliches Glück hat mir dieser See bislang noch nicht beschert. Also wenn ihr euch das überlegt, ob ihr euch einen Lebenstraum erfüllt oder nicht, dann haltet einen Moment inne und überlegt nochmal, ob es vernünftig ist …

Um 11.45 Uhr wurde Mittagessen serviert. Das nahm ich an. Uuuuh … weich gekochte Nudeln mit weich gekochtem Brokkoli … und einer etwas schmierigen Soße. Wirklich fein geht anders. Aber gut. Vielleicht sollte man ihnen das einfach mal sagen, dass wenn man Nudeln „gar“ kocht und dann noch warm hält, diese Nudeln dazu tendieren matschig zu werden? Dass breiiger Brokkoli nicht wirklich eine Delikatesse ist? Ach … wir lassen das einfach. Ich bin nicht Küchenchef einer Krankenhausgroßküche und habe davon wirklich keine Ahnung. Vor vielen Jahren habe ich mal von einem Experiment gelesen, in dem in Kliniken etwas besseres Essen serviert wurde und sich die Heilung der Patientinnen signifikant verbessert hat. Irgendwas ist kaputt.

Ich kucke Fernsehen, wische nach links und rechts und aus Trotz schreibe ich ein paar Profile an. Ich weiß schon jetzt, dass ich in Verlegenheit komme, wenn darauf jemand antwortet. Und dann passiert es wirklich. Um 12.30 Uhr kommt die Schwester und bringt mir die Entlassungspapiere. Ihr könnt euch kaum vorstellen, wie froh und dankbar ich war. Die aufgestaute Freude stieg in mir auf und ich musste aufpassen, dass ich das nicht zu sehr zeigte, da mein Zimmerkollege ja noch länger bleiben musste. Also … anziehen, Zeug zusammen räumen und los. Ich bin dann, um meinen Kreislauf wieder etwas in Schwung zu bringen noch etwas spazieren gegangen. Es war aber echt schwül und rückend. Also nicht allzu lang. Der Parkautomat wollte 14 Euro Befreiungsgeld von mir.

Jetzt bin ich wieder hier. Das Fazit? Eher ernüchternd. Die Vernunft sagt, dass ich jetzt noch mindestens drei Jahre hier durchhalten muss. Wenn ich wieder ins Krankenhaus komme, werde ich dann doch versuchen in den Westen zu fahren. Auch wenn viele sagen, dass das Schweriner Krankenhaus ein „gutes“ Krankenhaus ist, so verbleiben doch recht gemischte Eindrücke. Vielleicht sollte ich mich doch als Privatpatient einliefern lassen? Verdammt noch mal. Was war das nur für eine bekloppte Idee nach Mecklenburg zu ziehen. Klug geht anders. Nun … ich werde mich weiter durchbeißen. Eigentlich sollte dieses Anwesen hier von Menschen bewirtschaftet werden, die auch die Kapazität (Geld, Zeit, mentale Kraft, Interesse) dafür haben. Das Potential wäre da.

Wie macht man das, wenn man erkannt hat, dass man verkackt hat? Nicht verzweifeln! Sich keine Vorwürfe machen! Woher sollte ich wissen, dass meine damalige Partnerin (ja, auch wenn ihr das nicht glaubt und ich es selbst kaum glauben kann, sie war einmal so etwas wie eine Partnerin … lang ist’s her) so gar kein Interesse daran hatte etwas aus dem Anwesen zu machen und statt dessen ihre Selbstverwirklichung und Karriere an erste Stelle gesetzt hat. Gut … es gab schon Anzeichen. Aber auch da: es ist so geworden, mit meinem Einverständnis und kann nicht zurückgespult werden. Also. Nicht nur sich selbst keine Vorwürfe machen. Niemandem ist ein Vorwurf zu machen und es ist so zu akzeptieren wie es ist. Alles andere wäre töricht.

Wenn ich den Arztbrief durchlese und den Kommentar des Arztes mir nochmal durch den Kopf gehen lasse, dann bleiben doch Fragen offen. Wie lange hat es gedauert, bis sich diese Steine gebildet haben? Hat es mit der Operation 2022 zu tun? Wie lange wird es dauern, bis wieder solche Steine da sein werden? Offene Fragen, die niemand beantworten wird. Schaun wir mal.

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