Westbesuch

5 Sep.

Gestern kam Westbesuch. Wer, wie, was, ist eigentlich erst einmal egal. Prilblumen auf VW-Bus, das müssen Wessis sein. Aber halt stopp! Vorsicht mit Klischees.

Sie kamen spät, aber die Vorfreude war doch groß. Es war eine Erstbegegnung. Sozusagen ein Blinddate. Sie hatten den Schlechtwettertag im Westen abgewettert. In Lübeck.

Ich habe Tomaten geerntet …

Und drei Blech Pizza gebacken. Kein Bild, es gibt hier schon genügend Pizzabilder.

Und dann sprachen wir bis tief in die Nacht. Sie hatten viele Fragen. Fragen, die ich auch einmal hatte. Fragen, die mir damals niemand beantworten konnte oder wollte. Vor zwölf Jahren. Ich bin in diesen zwölf Jahren und doch einigen Quellenstudien etwas schläuer geworden. Ich kann tatsächlich viele Fragen des „was, wie und warum“ beantworten. Nicht, dass mir meine Schlauheit nutzen würde. Eine Erklärung ist noch keine Lösung. Aber das Verstehen eines Phänomens steht dennoch am Anfang und bewahrt vor Wahnsinn und Verzweiflung. Ich habe echt Glück. Also zum einen solche Freunde zu haben, darunter auch ein Westlehrer. Und zum anderen, dass ich ein paar Erklärungen aus unterschiedlichen Perspektiven abliefern kann. Glücklicherweise muss ich nicht sagen: der Ossi ist halt eine zurückgebliebene Spezies. Durch all meine Forschung weiß ich: ziemlich sicher wäre ich heute auch ein anderer Mensch, wenn ich im Osten aufgewachsen und sozialisiert worden wäre, eine DDR-Kinderbetreuungseinrichtung besucht hätte, eine echte DDR-Lehrerin zur Mutter gehabt hätte, in eine echte DDR-Schule gegangen wäre … oder was auch immer das Schicksal der einzelnen Menschen hier ist. Wohlgemerkt: das Wissen ist nicht die Lösung. Vielleicht gibt es einfach keine Lösung. Auch das kann ich akzeptieren. Die Fragen sind präzise und zielgerichtet. Wir sprachen über das Festival hier im Nachbarort – der erste Festivaltag wurde dieses Jahr sehr zur Freude der Nachbarn wegen schlechten Wetters abgesagt. Über die Abiquote des Durchfalls in Hagenow, die Reaktion des Ministeriums und die lustige Idee, weshalb Finnland so ein gutes Schulsystem hat. Wir sprachen über Menschenbildung, Stefan Ruppaner, Waldorfschule, Verschwörungstheorien und haben nur einen Bruchteil der Themen angekratzt, die zu besprechen gewesen wären.

Der Abend war viel zu kurz. Morgen fahren sie wieder. Heute gibt es Fisch aus dem Tressower See. Ich biete ihnen an, dass sie 2000 qm vom Grundstück hier mit allem Unkraut und allen Brombeerranken in den VW-Bus einpacken können und zu sich nach Hause fahren können und dort wieder auspacken können.

Vorgestern habe ich noch zehn Gläser allerfeinstes Pesto geschnetzelt und für schlechte Tage eingefroren. Ich freue mich auf weitere schlechte Tage.

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