Archiv für den Monat: Oktober 2021

Alle Halbjahre wieder …

… das gleiche Thema: Uhrverdrehung auf ein Neues.

https://www.tagesschau.de/ausland/europa/zeitumstellung-europa-107.html

Heute textet die Tagesschau – auch einmal wieder mittelmäßig qualifiziert. So steht da zum Beispiel, dass die nördlichen Länder die Winterzeit brauchen, damit es im Winter früher hell wird. Das ist doppelter Stuss. Denn es gibt keine Winterzeit und es wird auch nicht früher hell. Die Normalzeit, die im Winter gilt, heißt Normalzeit und es wird dann genauso früh oder spät hell, wie wenn die Uhr nicht verdreht wird. Der Unterschied ist: bei der nicht verdrehten Uhr stehen die Menschen in der Regel später auf. Leider höre ich den Quatsch sogar von halbwegs intelligenten Menschen, die behaupten, dass es bei nicht verdrehter Uhr abends früher dunkel wird. Es ist sehr sehr mühsam gegen Aberglaube vorzugehen.

Ich habe den Test mal aufs Exempel gemacht. Ich habe der Frau Bettina Martin von der SPD in Mecklenburg-Vorpommern geschrieben, daselbst gewesene und möglicherweise künftige Ministerin für Bildung und sowas. Mit einem Hinweis auf einen interessanten Artikel zu dem Thema:

https://perspective-daily.de/article/438/probiere

Frau Urner ist als Hirnforscherein ausgewiesene Expertin auf dem Thema und es sind noch weitere Experten am Start in diesem Artikel.

Was macht Frau Martin? Sie lässt ihren Herrn Schulrat antworten und diese Antwort lässt tief in die Hirninaktivität von Politik und Verwaltung blicken:

Sehr geehrter Herr Bund,
vielen Dank für Ihre EMail. Frau Ministerin Martin hat mich gebeten, Ihnen zu antworten.


Wie ich Ihrer EMail entnehmen kann, möchten Sie Frau Ministerin Martin von den Vorteilen für die Bildung, welche aufgrund der Abschaffung der Sommerzeit entstehen würden, überzeugen.


Das Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur MecklenburgVorpommern ist zwar für
den Bereich der Bildung auf der Grundlage der Artikel 30, 70 und 104 a Absatz 1 Grundgesetz
zuständig, jedoch die Sommerzeit und dessen Bestimmungen gehören nicht hierzu. Ich bitte
Sie daher, sich an das für die Feststellung der mitteleuropäischen Sommerzeit in Deutschland
zuständige Bundesministerium für Wirtschaft und Energie zu wenden und dort Ihr Anliegen
vorzustellen.


Mit freundlichen Grüßen
Gez. Dietrich Schwarz

Landesschulrat

Dem Herrn Landesschulrat mangelt es offenbar massiv an Textverständnis – vielleicht qualifiziert ihn dieses Defizit für seinen Job – wir wissen es nicht.

Wörtlich habe ich an Frau Martin unter anderem geschrieben:

In diesem Zusammenhang bitte ich Sie sich für eine schnelle Abschaffung
der Uhrverdrehung einzusetzen

Dies heißt nicht, dass ich sie überzeugen möchte, dies heißt, sie möge sich bitte dafür einsetzen, dass der Quatsch aufhört, was ja doch ein gewisser Unterschied ist und den Rest der Antwort komplett unsinnig macht. Denn natürlich ist mir klar, dass Frau Martin nicht bei der PTB in Braunschweig arbeitet und die Uhr umprogrammieren kann. Mir ist auch klar, dass Frau Martin nicht bei der EU arbeitet und auch nicht in der Bundesregierung im Ausschuss für die Uhrverdrehung sitzt. Meine einzige, und wie ich finde legitime Bitte ist, dass sie sich im Rahmen des ihr von den Bürgern und der Ministerin übertragenen Verantwortungsbereiches für uns einsetzt. Zu viel verlangt?

Ich habe mir dennoch die Mühe gemacht, dem Wirtschaftsministerium den Text weiter zu leiten.

Auch diese Antwort zeugt von einem aktiven Desinteresse. Ich schätze in diesem Falle handelt es sich um eine Textvorlage.

Sehr geehrter Herr Bund,

vielen Dank für Ihre Nachricht.

Für die EU-Mitgliedstaaten ist die Zeitumstellung durch europäische Regelungen nach wie vor vorgegeben. Die EU-Kommission hatte im September 2018 einen Vorschlag zur Abschaffung der jahreszeitlichen Zeitumstellung vorgelegt, der auf einen entsprechenden Wunsch der europäischen Bürgerinnen und Bürger aus einer öffentlichen Befragung zurückgeht. Dieser Vorschlag wird derzeit auf EU-Ebene diskutiert. Aus Sicht der Bundesregierung ist es wichtig, Zeitinseln zu verhindern und einen harmonisierten Binnenmarkt zu gewährleisten. Die Bundesregierung erachtet zudem eine europaweite Folgenabschätzung als eine wichtige Voraussetzung für ein angemessenes und harmonisiertes Vorgehen. Auch viele andere Mitgliedstaaten haben diese bei der Europäischen Kommission eingefordert. Die EU-Kommission hat bislang eine solche Folgenabschätzung noch nicht vorgelegt. Zur Zeitplanung der Europäischen Kommission können wir keine Auskunft geben. Hierzu müssten Sie sich an die EU-Kommission wenden.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr Team Bürgerdialog

Und was sagt der Sprecher der EU Herr Keersmaecker? „Jetzt liegt der Ball bei den Mitgliedsstaaten…“. Es ist also hier der ganz übliche Politik-Verwaltungs-Wahn am Werk. Keiner ist zuständig und alle verstecken sich hinter irgendwelchen Pseudoargumenten.

Deswegen hier nochmal ein öffentlicher Aufruf:

Liebe Frau Martin, lieber Herr Schulrat Schwarz!

Tun Sie einfach das wofür Sie gewählt wurden bzw. wofür Sie von Steuergeldern bezahlt werden! Setzen Sie sich für das Wohl der Bürgerinnen und Bürger ein. Beziehen Sie klar Stellung und vertreten Sie Ihre Anliegen in Berlin, in Brüssel, in den entsprechenden Gremien und wo auch immer. Es ist doch offenbarer Unfug, dass das Wirtschaftsministerium eine solch weitreichende Entscheidung treffen soll, denn die verdrehte Uhr geht ja alle Menschen etwas an und nicht nur diejenigen, die mit der wirtschaftlichen Entwicklung etwas zu tun haben. Mit Ihrem Engagement leisten Sie einen entscheidenden Beitrag zur Verbesserung der Lebensqualität in Mecklenburg-Vorpommern.

Ich habe zwei Buchtipps:

Philipp Möllers „Isch geh Schulhof“ ist zwar auch schon mehr als zehn Jahre alt, aber flüssig zu lesen und brandaktuell.

Michael Schmidt-Salomons „Entspannt euch! – Eine Philosphie der Gelassenheit“ ist etwas weniger flüssig zu lesen, etwas aktueller, aber deswegen nicht weniger lesenswert.

Bei uns gab es neulich Pizza. Das ist ja erstmal noch nichts besonderes, denn die kann man sich entweder bestellen oder aus tiefgefrorenen Packungen aufbacken. Es gibt aber noch mehr Varianten. Die selbst gemachte zum Beispiel. Die war bei uns früher immer viereckig, weil auch das Blech viereckig ist. Aber sie muss ja nicht viereckig sein. Samson hatte den Wunsch, dass die Pizza mal nicht viereckig sondern rund ist. Ein Forschungsvorhaben. Schmeckt runde Pizza anders als viereckige? Wir probieren es aus. Achtung! Lehrer! Pädagogen! Aufgepasst! Das Kind hat eine Idee und eine Frage. Jetzt kann ich natürlich einfach runde Pizza kaufen oder machen und dem Kind vorsetzen. Aber warum soll ich den Forschungsimpuls des Kindes nicht aufnehmen und gemeinsam – ich wiederhole es gerne: gemeinsam – mit dem Kind forschen? Also wird überlegt, welche Geschmacksrichtungen denn getestet werden, Zutaten vorbereitet, Teig vorbereitet. Teig ausgerollt, was gar nicht so einfach ist, denn die Pizza soll ja rund werden.

Auch erfordert runde Pizza eine andere Backlogistik – dies wird alles ganz praktisch und mit Begeisterung erfahren. Das Ergebnis kann sich sehen lassen und es lässt sich aus essen.

 

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Und das Forschungsergebnis? Leider nicht ganz eindeutig. Ja, runde Pizza schmeckt anders als viereckige – sagt das Kind. Es soll wieder einmal runde selbstgemachte Pizza geben. Die Forschung geht weiter.

Der Erwachsene fragt sich: es ist so einfach Kinder für etwas zu begeistern. Kinder wollen ständig etwas erfahren und entdecken – das ist der Impuls zum Lernen. Warum geht das in der Schule nicht Frau Martin?

Von Wismar nach Kiel in 9,5 Stunden

Die Wahl zum Bundeskanz ist gelaufen. Viel muss ich ja dazu gar nicht schreiben. Das Volk bekommt die Regierung die es verdient. Aus irgendwelchen Farben. So lustige Begriffe wie Jamaika und Ampel machen die Runde. Spielt eigentlich gar keine Rolle.

Für mich einigermaßen bedeutender: ich buche die Passage von Wismar nach Kiel. Überführung der WOW zur Offshore Youngsters.

Wind: bis 7 (29 Knoten sehe ich einmal auf der Anzeige)

Zeit: 9,5 Stunden.

Aber was politisch viel entscheidender ist und auf dem Plot zu sehen ist: wir fahren auf dem richtigen Kurs – ohne eine einzige Wende. Warum das so wichtig ist, schreibe ich gleich.

Hier seht ihr eine Heckwelle. Wir fahren unter Spi bei etwa 20 Knoten Wind. Das rauscht schon ganz schön, hier noch auf glattem Wasser, später haben wir natürlich auch Welle. Im Hintergrund seht ihr die Skyline von Wismar, es ist also quasi der Start der Reise. Um 19 Uhr wollen wir dort sein.

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Ein Blick in die Segel …

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Und hier seht ihr schon die Kieler Bucht. Unterwegs gab es Brötchen mit Frikadellen, Kuchen und Kaffee, Sonne und Wind satt von schräg hinten und von hinten und Wellen und viel gute Stimmung an Bord. Sehr sehr cool. Auch wenn ich mich wiederhole: ich kann segeln sehr empfehlen.

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Das sieht man auf dem vorherigen Bild nicht … auch unsere Bugwelle kann sich sehen lassen, auch wenn der Wind nachgelassen hat. Wir haben aber auch ausgerefft.

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Unterwegs habe ich keine weiteren Bilder gemacht sondern gesteuert. Die Hafeneinfahrt in Strande haben wir um 19:00 Uhr passiert. Den Plot habe ich am Samstag vom Bildschirm abgenommen, da war die WOW schon seit 5 Uhr morgens auf dem Regattakurs nach Travemünde.

Unbenannt

Jetzt kommt die Sache mit der Wende. Sucht mal per Internetsuche danach. Ihr findet verschiedene interessante Sachen. Der erste Eintrag in der Wikipedia ist ebenso lesenswert wie einige andere Erklärungen. In dem Landstrich, in dem ich gerade wohne, gibt es auch Erfahrungen mit der Wende. Ist also durchaus interessant. Auch wie so ein Manöver ausgeführt wird, was dabei zu beachten ist, weshalb man es braucht usw. Alles interessant.

Jetzt kommt ein philosophischer Teil. Während man auf dem Segelboot über Stunden auf dem Wasser herumfährt, kommen einem die besten Gedanken.

Wie ist das mit einer gesellschaftlichen Wende? Es ist nicht anders, als mit einer Wende auf dem Segelboot. Zum einen: es muss eine Notwendigkeit dafür geben ein solches Manöver durchzuführen. Es müssen alle mitmachen und sinnvollerweise kennt man vor dem Manöver auch den neuen Kurs. Sonst weiß nämlich der Steuermann gar nicht wo er hinsteuern soll und die Mannschaft weiß schon viel weniger was sie zu tun hat. Und weil solche gesellschaftlichen Wenden sehr wenig geübt werden, haben viele Menschen Angst davor. Angst. Genau. Wie vor der Klimawende, weshalb es diese auch gar nicht geben wird. Die intellektuelle, abstrakte Angst richtet sich gegen die 1,6 Grad Erwärmung. Aber die individuelle, die tiefe Angst richtet sich natürlich gegen das Manöver selbst. Gegen die Veränderung. „Die sollen das mal machen!“ – heißt es gerne. „Die“ – also „die anderen“. Wir setzen uns jetzt nochmal auf das Boot. Wenn jetzt alle da drauf rumsitzen, das Boot fährt auf einen Felsen zu und alle sagen „die sollen das mal machen“ – was passiert dann? Das Boot fährt ganz genau rumms auf den Felsen drauf.

1989 war das so: die Menschen waren bereit für eine Wende. Es wurde sogar bereits ein neuer Kurs festgelegt. Der Herr Schabowski hat dann mit seinem „Sofort, unverzüglich“ quasi nur noch das Kommando „Ree“ gegeben. Was dann geschah, war tatsächlich etwas chaotisch, weil auch nicht wirklich geübt. Gewendet wurde trotzdem. Mit backstehender Fock, Ringelpietz und der richtige Kurs ist auch noch nicht so ganz klar, auch dreißig Jahre nach der Wende nicht. Der Wind weht allerdings eindeutig aus einer anderen Richtung – wie nach einer Wende eben.

Ich lese gerade Philipp Möller Isch geh Bundestag. Nett geschrieben. Wieder etwas mehr Einblick in die Offiziersmesse des BRD-Schiffes. Philipp verspricht seiner Tochter, dass er die Welt retten will, genauer gesagt er will dafür sorgen, dass die Toiletten an der Schule ihren Namen verdienen. Das wird nicht ohne Wende gehen. Es kommt dann aber anders. Philipp arbeitet nun bei einem „ganz netten“ (Zitat) Bundestagsabgeordneten und kann sich eine andere Wohnung leisten und die Tochter kann auf eine Schule gehen, in der die Toiletten funktionieren. Damit hat er zwar nicht die Welt gerettet, aber die Welt seiner Tochter. Alles eine Frage der Perspektive. Da liegt der Philipp voll im Trend. Die Wende kann warten.

Die Tagesshow meldet heute, dass in Hamburg die Mobilitätswende startet, weil eine S-Bahn autonom durch Hamburg fährt. Das ist natürlich Stuss. Denn eine automatische Zugsteuerung ist nur die logische Konsequenz der technischen Fortentwicklung in der Zugsteuerung. Zugsteuerungs- und Überwachungssysteme gibt es schon lange. Eine Wende, wie der Herr Lutz behauptet, ist das nicht. Wenn kein Fahrer mehr bezahlt werden muss, wird die S-Bahn pro gefahrenem Kilometer etwas billiger. Dafür können mehr Züge eingesetzt werden zum gleichen Preis, was wiederum mehr CO2 verbraucht. Es ist genau das, was seit mehr als einem Jahrhundert praktiziert wird: mehr Technik, komplexere Technik, abstraktere Technik für mehr Verkehr und mehr Profit.