Von Wismar nach Kiel in 9,5 Stunden

Die Wahl zum Bundeskanz ist gelaufen. Viel muss ich ja dazu gar nicht schreiben. Das Volk bekommt die Regierung die es verdient. Aus irgendwelchen Farben. So lustige Begriffe wie Jamaika und Ampel machen die Runde. Spielt eigentlich gar keine Rolle.

Für mich einigermaßen bedeutender: ich buche die Passage von Wismar nach Kiel. Überführung der WOW zur Offshore Youngsters.

Wind: bis 7 (29 Knoten sehe ich einmal auf der Anzeige)

Zeit: 9,5 Stunden.

Aber was politisch viel entscheidender ist und auf dem Plot zu sehen ist: wir fahren auf dem richtigen Kurs – ohne eine einzige Wende. Warum das so wichtig ist, schreibe ich gleich.

Hier seht ihr eine Heckwelle. Wir fahren unter Spi bei etwa 20 Knoten Wind. Das rauscht schon ganz schön, hier noch auf glattem Wasser, später haben wir natürlich auch Welle. Im Hintergrund seht ihr die Skyline von Wismar, es ist also quasi der Start der Reise. Um 19 Uhr wollen wir dort sein.

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Ein Blick in die Segel …

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Und hier seht ihr schon die Kieler Bucht. Unterwegs gab es Brötchen mit Frikadellen, Kuchen und Kaffee, Sonne und Wind satt von schräg hinten und von hinten und Wellen und viel gute Stimmung an Bord. Sehr sehr cool. Auch wenn ich mich wiederhole: ich kann segeln sehr empfehlen.

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Das sieht man auf dem vorherigen Bild nicht … auch unsere Bugwelle kann sich sehen lassen, auch wenn der Wind nachgelassen hat. Wir haben aber auch ausgerefft.

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Unterwegs habe ich keine weiteren Bilder gemacht sondern gesteuert. Die Hafeneinfahrt in Strande haben wir um 19:00 Uhr passiert. Den Plot habe ich am Samstag vom Bildschirm abgenommen, da war die WOW schon seit 5 Uhr morgens auf dem Regattakurs nach Travemünde.

Unbenannt

Jetzt kommt die Sache mit der Wende. Sucht mal per Internetsuche danach. Ihr findet verschiedene interessante Sachen. Der erste Eintrag in der Wikipedia ist ebenso lesenswert wie einige andere Erklärungen. In dem Landstrich, in dem ich gerade wohne, gibt es auch Erfahrungen mit der Wende. Ist also durchaus interessant. Auch wie so ein Manöver ausgeführt wird, was dabei zu beachten ist, weshalb man es braucht usw. Alles interessant.

Jetzt kommt ein philosophischer Teil. Während man auf dem Segelboot über Stunden auf dem Wasser herumfährt, kommen einem die besten Gedanken.

Wie ist das mit einer gesellschaftlichen Wende? Es ist nicht anders, als mit einer Wende auf dem Segelboot. Zum einen: es muss eine Notwendigkeit dafür geben ein solches Manöver durchzuführen. Es müssen alle mitmachen und sinnvollerweise kennt man vor dem Manöver auch den neuen Kurs. Sonst weiß nämlich der Steuermann gar nicht wo er hinsteuern soll und die Mannschaft weiß schon viel weniger was sie zu tun hat. Und weil solche gesellschaftlichen Wenden sehr wenig geübt werden, haben viele Menschen Angst davor. Angst. Genau. Wie vor der Klimawende, weshalb es diese auch gar nicht geben wird. Die intellektuelle, abstrakte Angst richtet sich gegen die 1,6 Grad Erwärmung. Aber die individuelle, die tiefe Angst richtet sich natürlich gegen das Manöver selbst. Gegen die Veränderung. „Die sollen das mal machen!“ – heißt es gerne. „Die“ – also „die anderen“. Wir setzen uns jetzt nochmal auf das Boot. Wenn jetzt alle da drauf rumsitzen, das Boot fährt auf einen Felsen zu und alle sagen „die sollen das mal machen“ – was passiert dann? Das Boot fährt ganz genau rumms auf den Felsen drauf.

1989 war das so: die Menschen waren bereit für eine Wende. Es wurde sogar bereits ein neuer Kurs festgelegt. Der Herr Schabowski hat dann mit seinem „Sofort, unverzüglich“ quasi nur noch das Kommando „Ree“ gegeben. Was dann geschah, war tatsächlich etwas chaotisch, weil auch nicht wirklich geübt. Gewendet wurde trotzdem. Mit backstehender Fock, Ringelpietz und der richtige Kurs ist auch noch nicht so ganz klar, auch dreißig Jahre nach der Wende nicht. Der Wind weht allerdings eindeutig aus einer anderen Richtung – wie nach einer Wende eben.

Ich lese gerade Philipp Möller Isch geh Bundestag. Nett geschrieben. Wieder etwas mehr Einblick in die Offiziersmesse des BRD-Schiffes. Philipp verspricht seiner Tochter, dass er die Welt retten will, genauer gesagt er will dafür sorgen, dass die Toiletten an der Schule ihren Namen verdienen. Das wird nicht ohne Wende gehen. Es kommt dann aber anders. Philipp arbeitet nun bei einem „ganz netten“ (Zitat) Bundestagsabgeordneten und kann sich eine andere Wohnung leisten und die Tochter kann auf eine Schule gehen, in der die Toiletten funktionieren. Damit hat er zwar nicht die Welt gerettet, aber die Welt seiner Tochter. Alles eine Frage der Perspektive. Da liegt der Philipp voll im Trend. Die Wende kann warten.

Die Tagesshow meldet heute, dass in Hamburg die Mobilitätswende startet, weil eine S-Bahn autonom durch Hamburg fährt. Das ist natürlich Stuss. Denn eine automatische Zugsteuerung ist nur die logische Konsequenz der technischen Fortentwicklung in der Zugsteuerung. Zugsteuerungs- und Überwachungssysteme gibt es schon lange. Eine Wende, wie der Herr Lutz behauptet, ist das nicht. Wenn kein Fahrer mehr bezahlt werden muss, wird die S-Bahn pro gefahrenem Kilometer etwas billiger. Dafür können mehr Züge eingesetzt werden zum gleichen Preis, was wiederum mehr CO2 verbraucht. Es ist genau das, was seit mehr als einem Jahrhundert praktiziert wird: mehr Technik, komplexere Technik, abstraktere Technik für mehr Verkehr und mehr Profit.

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