11. September 2021

Ich beginne meinen Tag mit Zeitung lesen …

https://projekte.sueddeutsche.de/artikel/politik/schily-und-fischer-zu-9-11-unausloeschliche-erinnerung-e109126/

https://projekte.sueddeutsche.de/artikel/politik/ex-guant-namo-haeftling-im-interview-e338447/

https://www.tagesschau.de/ausland/amerika/usa-newyork-9-11-rettung-101.html

Vor dem Haus hängen zwei Plakate der Nullen-Pisser-Deppen.

Liebschers sind in Ferien gefahren. Ich darf den eingesperrten Hasen ein paar Möhren bringen.

Was ist es eigentlich, was die Welt beinahe aus den Angeln hebt? Was lässt eigentlich jegliche Vernunft der Menschen auf der Strecke bleiben? Wir stehen vor einer Wahl. Eine Wahl, die nichts bedeutet. Es sind Affen, die sich dort zur Wahl stellen. Und Äffinnen.

Und wie war das bei mir? Vor 20 Jahren. Ich will doch immerhin auch mal meine Erinnerung durchkramen.

Ich bin an diesem Tag „zur Arbeit“ gefahren. Ich war bei einem Kunden in der Basler Straße selbständig angestellt. Es war zu dieser Zeit mein größter Kunde. Ich saß dort im Großraumbüro mit dem Vertrieb zusammen und habe Werbemittel produziert. Produktkataloge in vielen Sprachen, Internetzeugs, Anzeigen geschaltet. Ich war Teil einer Familie, die, wie Familie eben so ist, mal homogen, mal heterogen, mal harmonisch und mal nicht so harmonisch ist. Ich habe mich dort einigermaßen wohl gefühlt. Ich war ja selbständig und bin dort freiwillig hin gegangen. Ich war dort akzeptiert, hatte mein Arbeitsfeld und mehr noch, ich hatte dort auch Freunde. Ich hatte sogar einen gesicherten Umsatz. Das alles führte dazu, dass ich im Frühjahr 2001 beschloss mein Leben umzubauen. Ich wollte nicht mehr als Single leben. Ich suchte eine neue Bleibe. Und Menschen, die mit mir bleiben wollten. Im Sommer fand ich dann das Haus in der Baumgartnerstraße. Über einen Makler. Es schien mir für meine Wohn- und Lebenszwecke gut geeignet zu sein. Mein damaliger Banker fand das auch eine gute Idee und stellte die Finanzierung dafür auf die Beine. 660.000 Mark. Aus dem hohlen Bauch raus. Unvorstellbar viel Geld für mich. Das Kaufdatum war dann schon recht früh auf Mitte September festgelegt. Ich wusste wirklich noch gar nicht, auf was ich mich da eingelassen habe. Nach der Kaufentscheidung und dem notariellen Kaufvertrag bin ich auch nicht mehr hin gegangen. Es war ja auch noch bewohnt, so konnte ich auch nicht einfach so Besichtigungen mit Interessenten machen. Zumindest waren wir schon zu dritt. Zwei Mitwohn hatte ich schon gefunden.

So fuhr ich also auch am 11. September mit dem Fahrrad von Haagen durchs Grütt in die Basler Straße, um dort irgendwelchen Kram zu machen. Bis – ja … der Chef kam ins Büro. Sichtlich erschüttert. Ein Flugzeug … WTC. Von diesem Moment an waren wir mit in die Geschichte einbezogen. Jeder auf seine Weise. Der eine mehr erschüttert, der andere weniger. Ich weiß noch genau: ich war weniger erschüttert. Für mich war es nicht wirklich unfassbar, dass eine Nation, die der Welt ihre wirtschaftliche Brutalität aufzwingt nicht unangreifbar ist. Das hat mich nicht mehr losgelassen. Dass die anderen Menschen erschüttert darüber waren, dass „die USA“ angegriffen wurden, das hat mich erschüttert. Es ging nicht um die Brutalität, nicht das vieltausendfache menschliche Leid, welches die Anschläge ausgelöst haben. Die Erschütterung bezog sich mehr auf das Symbol WTC und das unangreifbare Amerika. Wäre das gleiche Ereignis in Mumbai geschehen, es wäre wohl nur eine Notiz in der Tagesschau geworden. Mir war schnell klar, dass die Welt danach nicht mehr dieselbe Welt sein würde.

Mitte September 2001. Das Kaufdatum rückte näher. Alle Geldflüsse wurden gestoppt. Wir künftigen Bewohner trafen uns abends im Roten Hahn. Wir waren uns über die Tragweite des Anschlages uneinig. Es gab eine Stimme, die meinte, das wäre alles nicht so schlimm. Vielleicht war es der Beginn der Uneinigkeit im Haus? Zumindest war da schon sehr klar: wir waren sehr unterschiedlich. So unterschiedlich, dass die zwei anderen nach einem Jahr auch wieder weg waren. Dennoch haben sie einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, dass das Projekt starten konnte, vielleicht haben sie auch den Grundstein zur Vielfalt gelegt. Man weiß es nicht. Sie haben dazu beigetragen, sie haben sich darauf eingelassen.

Also ihr müsst euch das so vorstellen: bei mir gab es in diesen Tagen zwei verschiedene große Ereignisstränge. Das eine waren die Weltereignisse rund um den 11. September, das andere war der Hauskauf und der Umzug. Der Neuanfang. Es war unklar, ob das Geld fließen kann. Am 14. sollte Zahltag sein. Noch am Abend des 14. rief mich die Vorbesitzerin an: das Geld wäre noch nicht auf dem Konto. Sie wollte aber eigentlich los nach Portugal. Ob sie nun fahren solle oder nicht. Ich sagte ihr, dass das Geld bei mir abgebucht wurde, sie könne sich gerne bei der Bank erkundigen. Am 15., es war ein Samstag, trafen wir uns dann im Haus zum provisorischen Frühstück und zu ersten Renovierungsarbeiten. – Das Abenteuer konnte beginnen.

Ich möchte mit diesen Zeilen nur meine Erinnerung festhalten. Sie ist unvollständig. Ich kann mich nur noch erinnern, dass viele Freunde kamen. Bei der Malerei halfen oder etwas zu essen machten oder einfach nur neugierig waren was denn jetzt da so passiert. Wir haben abends noch eine Flasche Wein getrunken – eine besondere Flasche Wein, die mir Martin schon lange zuvor geschenkt hat „für ein besonderes Ereignis“. Dass dies eine Zäsur in meinem Leben darstellt, eine Wende, ein neuer Abschnitt begann. Mit vielen Hochs und Tiefs und Aufs und Abs. Natürlich ist das Zusammentreffen dieser zwei Ereignisse vollkommen zufällig. Es werden täglich hunderte und tausende Kaufverträge für Häuser geschlossen und bedeutende Termine gemacht. Da ist es unumgänglich, dass ein Termin mit einem Weltereignis quasi zusammentrifft, zumal ja auch eine gewisse Unschärfe in den Terminen liegt. Daher möchte ich das keinesfalls als schicksalhaftes astrologisches oder esoterisches, karmisches, übersinnliches Ereignis verstanden wissen. In meiner Biografie treffen eben zwei bedeutende Ereignisse zusammen und bestimmen in gewisser Weise damit auch meine Erinnerung.

Es gibt aber doch ein paar Gemeinsamkeiten. „Gemeinsam mitten im Leben“ – so schrieb Kristoff Meller im Frühjahr 2014 über uns. Und, um dann nochmal kleine und große Weltereignisse zu verbinden … ist es nicht so, dass wenn wir uns im Kleinen treffen und versuchen Verständnis füreinander zu entwickeln, dass große Konflikte dann unwahrscheinlicher werden? Natürlich sind die Taliban sehr weit weg. Aber sind es nicht auch Menschen? Ist es unmöglich, sich in seinen Wertevorstellungen, in seinen Zielen und Idealen näher zu kommen, wenn wir guten Willens sind? Ich weiß genug davon zu jammern wie schwierig es ist mit Menschen zu sprechen, die einem starren, festen Weltbild verhaftet sind. Ich weiß aber auch, dass wenn wir uns weniger abgrenzen, wenn wir offener und ehrlicher werden, wenn wir den eigenen Gott einfach mal Gott sein lassen und eine andere Welt, eine andere Überzeugung auch mal als wahr denken können, dann wird die Welt bunter, mehrdimensionaler, interessanter, lebendiger. Wenn wir eine eigene Ideologie über Bord werfen, werden wir freier.

Kinder können uns viel lehren. Sie haben keinen Gott. Sie haben Fragen. Viele Fragen können wir nicht beantworten. Wir sollten uns hüten, die Fragen der Kinder mit einem Gott zu beantworten. Damit nehmen wir unseren Kindern ihre Unbefangenheit. Und ihre Fragen! Die Fragen werden sie brauchen, um die Zukunft, die wir ihnen vermasselt haben, zu gestalten. Es gibt keine einfachen Antworten auf die Frage, was Menschen dazu treibt Terroristen zu werden. Sie sagen, dass sie im Auftrag ihres Gottes handeln. Das darf man in Frage stellen.

Kein Beitrag ohne Bilder.

Am 7. September um 13.40 Uhr mache ich ein Bild von einer Wurzel, die ich zuvor ausgegraben habe.

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Am 7. September fliegt um 18.19 Uhr ein Tischtennisball über das Netz.

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Am 12. September um 15.05 Uhr passiere ich an Bord der WOW die Tonne 37.

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