Er ist sicher nicht beispielhaft. Aber welcher Tag ist schon beispielhaft?
Ich wache um zehn nach vier Uhr auf. Ok … das ist etwas früh. Aber verglichen mit dem Zustand vor zwei Jahren ein riesen Fortschritt. Vor zwei Jahren habe ich vielleicht zwei Stunden in der Nacht geschlafen. Oder überhaupt nicht. Mittlerweile sind es fünf oder sogar sechs Stunden. Und … Funfact, weniger als zwei Stunden vor der regulären Aufwachzeit und daher kein Kriterium für eine Störung 😀. Ich freue mich. Ich höre den frühen Vögeln zu. Und ich genieße die frühe Stille. Dann lese ich ein wenig. Dann höre ich wieder den Vögeln zu und verinnerliche das Gelesene. Und lasse das Erlebnis des vorherigen Tages nochmal durch das Hirn ziehen. Ja, so ist die Welt. So sind die Menschen. Ich kann das gut akzeptieren und bin dankbar für das Erlebnis. Natürlich war die Ex auch ein Thema. Da erzähle ich, was ich auswendig gelernt habe. Dass sie glücklich mit ihrer neuen Beziehung ist. Und dass sie nun das Leben hat, das sie immer haben wollte. Dass ich dies akzeptiere und wohlwollend begleite, wie das meine Art ist. Dass wir weder rechtlich noch wirtschaftlich verquickt sind und dass die Jungs einen Schlüssel zu ihrer Wohnung haben. Ich erzähle nicht, dass sich meine Zuneigung ihr gegenüber in keinster Weise geändert hat, vom ersten Tag bis heute. Warum sollte es das auch?
Um sechs Uhr stehe ich auf. Morgenroutine. Ich mache das einfach gern. Sozialarbeit ist das Sinnvollste, was man im Leben tun kann. Man bekommt dafür weder Geld noch Anerkennung. Es ist Sinn pur, also der pure Sinn oder, wie man auch sagt: voll Sinn oder sinnvoll. Die Handgriffe sind schon gut eingeübt. Wasserkocher aufstellen, Butterdose aus Holz aus dem Kühlschrank holen. Freude haben an der Butterdose aus Eichenholz. Pure Freude verspüren. Quark, Marmelade, Toastbrot, Vesperbrot, alles was fürs Frühstück und die Brotdosen gebraucht wird wird aus dem Kühlschrank geholt. Zwei Toastbrote in den besten Toaster gerammt. Apfel aufgeschnitten. Und immer wieder neue Tricks anwenden. Zwei neue Tricks gibt es. Die kalte Butter wird auf den warmen Toasts streichfähig gemacht – nicht geschmolzen. Das ist der Trick. Und das Quarktoast wird seit drei Tagen nicht mehr in der Mitte halbiert. Was zunächst als eine Komfortidee entstand, entpuppt sich als Fütterungstrick. Zunächst dachte ich, dass es ja Quatsch ist den Toast zu halbieren. Wenn er zu ein Drittel und zwei Drittel durchgeschnitten wird, dann hat der Junge die Wahl, ob er nun den größeren oder den kleineren Teil essen möchte. Nun isst er seit drei Tagen beide Teile. Wolfgang glücklich 😊. Ich versuche ihm so viel wie möglich Kalorien zuzuführen ohne ihn zum Essen zu drängen.
Um fünfzehn Minuten vor sieben beginnt dann die Endphase. Milch für den Kakao bereit stellen, das andere Zeug wird wieder weggeräumt. Um zehn Minuten vor sieben wird der Herd eingeschaltet, um die Milch für den Kakao heiß zu machen. Ich gehe raus, schalte die Standheizung im Opel ein. Genau. Die Jungs haben eine Standheizung. Nein, das ist kein Luxus. Kostet ungefähr fünfzehn bis zwanzig Euro Strom pro Jahr. Es verhindert aber, dass sie bibbernd in ihrer Fahrkiste sitzen müssen. Dann wird die Milch geschäumt. Genau … andere Kinder müssen Kakao mit Haut trinken, bei uns trinken sie Kakao mit Milchschaum. Nein, kein Luxus. Die Milch aufzuschäumen dauert genau ungefähr eine Minute. Ääääh Moment mal … und das sollen unsere Kinder uns nicht wert sein? Eine Minute? Um fünf vor sieben wecke ich sie. Das ist fünf Minuten später, als wenn sie mit dem Bus fahren würden.
Dann frühstücken wir. Manchmal erzählen wir uns etwas dabei. Heute sprechen wir darüber, ob nächste Woche gegebenenfalls eine Brotdose gebraucht wird. Nächste Woche startet endlich das Schulpraktikum. Endlich. Endlich mal was Praktisches. Und wir freuen uns. Einer kann in der Mensa der Hochschule essen. Und wir reden kurz über dies und jenes. Latein Ausfall. Einer putzt dann schnell die Zähne und spielt noch Klavier. Ich sitze auf dem Sofa, schaue auf den blühenden Kirschbaum und kann nicht fassen, was für ein glückliches Leben ich habe. Klavierkonzert am Morgen. Ich verdränge einen kurzen Moment, dass niemand da ist, der dieses Glück mit mir teilen mag. Er hat sich das Stück selber beigebracht. Ganz flüssig ist es noch nicht. Aber es ist Musik. Pure Musik. Versteht ihr?
Dann steigen sie in ihre Fahrkiste und fahren in die Schule. Zwanzig Minuten brauchen sie bis zum Lehrerparkplatz. Schüler, die auf dem Lehrerparkplatz parken 😃. Ich freue mich so, dass sie mit ihrer Fahrkiste fahren können und ich nicht sagen muss „… ihr müsst jetzt los!!!“. Ich finde solche Elternratschläge übergriffig, wenn sie nicht unbedingt notwendig sind. Und sie sind eben nicht notwendig. Sie können das selber bestimmen wann sie los fahren. Selbstwirksamkeit und Selbstverantwortung und Eigenständigkeit fördern wo es nur geht in dieser beknackten Welt. Das waren meine Ideen zur Prägung vom ersten Tag an.
Und dann ist es plötzlich wieder ruhig. Ich setze mich hin und schreibe mal einen Morgen auf.
Heute treffe ich Tanja. Ich werde das gestern Gelernte berücksichtigen. Hoffentlich. Es könnte ja gut gehen … es gibt einige Zeichen, die dafür sprechen. Ich glaube, dass sie intelligent ist. So – genug phantasiert … – solche Phantasien sind genau für gar nichts gut. Erstaunlich ist ja schon, dass ich mehrere reale Treffen in kurzer Zeit organisieren kann. Es wäre so etwas wie ein Wunder, wenn die Herausforderung schon nach wenigen Wochen gelingen würde.
Jetzt spiele ich erst einmal etwas Klavier. Ein Haus kann nie genug Klaviermusik haben.