Meine Herausforderung ist auch ein Akt, um die erfolgreiche Spezialoperation zum Crash der Familie auszubügeln. Dafür werden heute wieder 250 Autokilometer gefahren.
Morgens beschließe ich keine Tomaten zu pikieren. Zu groß ist die Gefahr, dass dabei Erde unter meine Fingernägel gerät und ich diese Erde nicht mehr vollständig heraus bekomme. Oder eben irgendwelche Erdrückständen an meinen Händen sichtbar bleiben. Es muss wirklich an alles gedacht werden. Die Chance, hier den Treffer zu landen, schätze ich gering ein. Aber man kann nie wissen. Außerdem war ich schon lange nicht mehr in Hamburg. Das Wetter ist Bombe. Auch das Auto ist schon länger keine längere Strecke mehr gefahren. Getankt hatte ich gestern Vormittag. Am Vormittag ist der Sprit am günstigsten. Derzeit dürfen die Tankstellen nur mittags um zwölf die Preise erhöhen. Wer sich nur so was ausdenkt? Nicht nur die Zaungäste beim Wal lassen mich am Zustand der Menschenhirne zweifeln.
Da ich mich in Hamburg wirklich nicht auskenne und die Parkplätze vor Ort ganz rar sind, lade ich das Fahrrad ins Auto und fahre wirklich frühzeitig los. Ich kalkuliere eine halbe Stunde Reserve ein. Davon brauche ich glücklicherweise nur zehn Minuten, parke aber auf einem Parkplatz, der vermutlich für Anwohner reserviert ist. Zumindest alle Autos in dieser Gegend haben so ein Zertifikat hinter der Scheibe liegen. Da ich aber eh schon viel Zeit und Geld investiere, gehe ich das Risiko einer gebührenpflichtigen Verwarnung ein – mann gönnt sich ja sonst nichts.
Maria kommt etwa fünf Minuten zu spät. Ich überlege schon, ob hier mein Wohlwollen und meine Wertschätzung auf die Probe gestellt wird, entscheide mich dann aber für Akzeptanz. So einfach geht das. Wir finden einen Platz. Es ist wirklich wunderschön. Wir trinken Kaffee, sie isst Kuchen mit Sahne – sehr sympathische Frau. Wir quatschen. Es ist entspannt. Sie macht den Vorschlag, dass wir ja noch um die Alster laufen könnten, was ich ausgesprochen attraktiv finde. Wir sitzen weiter im Cafe. Nach über einer Stunde angenehmer Unterhaltung geschieht etwas Eigenartiges. Ich sage ihr, dass ich sie sympathisch finde. Ich weiß aber, dass ich bei ihr mit Annäherung sehr vorsichtig sein muss. Das hat sich im Chat schon mal heraus gestellt. Also sage ich, dass ich die Möglichkeit sehe, dass aus uns kein Paar wird. Damit war das Gespräch unrettbar verloren. Sie hat das offenbar als eine Herabwürdigung oder Beleidigung aufgefasst und hat das Gespräch beendet. Ich habe noch hilflose Rettungsversuche unternommen. Es war sinnlos. Wir haben uns grußlos getrennt.
Was war da geschehen? Nun … Ich muss zugeben, dass ich durch den Crash der Familie auch etwas übel geprägt herumlaufe. Psychologen würden von einem Trauma sprechen. Je nachdem, wie man den Traumabegriff auffasst, kommt das ungefähr hin. In diesem Fall habe ich dieses Trauma weiter gegeben. Bevor ich von dieser Frau enttäuscht werde, enttäusche ich sie, schütze mich. Und sie? Ist tief getroffen und versucht mich nun ebenso zu verletzen. Was ihr gelingt. Ich fahre ziemlich nachdenklich zurück.
Was lernen wir daraus?
Onlinedating ist ein blöder Scheiß. Ein Symptom der kaputten Gesellschaft, ein Symptom der vielen kaputten Beziehungen, der kaputten Seelen. Beim ersten Treffen darf wirklich nichts schief gehen. Es darf kein falsches Wort gesprochen werden. Hier mein heißer Tipp: alles, aber wirklich alles, was eine Frau in den falschen Hals kriegen könnte, darf nicht ausgesprochen werden. Wenn sie in Stöckelschuhen kommt und Dich fragt, was Du für eine Frau suchst, dann darfst Du unter gar keinen Umständen sagen, dass Du eine Frau suchst die gerne Gummistiefel oder Sportschuhe trägt. Niemals sagst Du das. Auch nicht zum Spaß. Es gibt Bereiche, da verstehen Frauen einfach keinen Spaß. Wenn sie eine rote Bluse trägt, dann sagst du niemals, dass blau besser gefällt als rot. Du weißt nicht, wie lange sie vor ihrem Klamottenschrank gestanden ist, um genau dieses Outfit heraus zu suchen. Und solche Sachen halt. Und da wird es schwierig. Sie wird Dich auf die Probe stellen. Das ist etwas, was ich üben muss. Es war also ein Übungsstück. Ich darf dankbar sein, dass ich immerhin so weit gekommen bin. Dass es zum Treffen gekommen ist. Dass es über eine Stunde gedauert hat. Dass sie mich nach dem Spaziergang gefragt hat und erzählt hat, dass es in ihrer Umgebung niemanden gibt, mit dem sie um die Alster laufen könnte. Und dass sie möglicherweise ja doch Interesse hätte haben können … Aber Dating ist kein Wunschkonzert. Dating ist ein Solo. Du stehst auf der Bühne, vollkommen mutterseelenallein. Wenn du es nicht ertragen kannst ausgebuht zu werden, dann lass‘ es.
Schauen wir mal. Morgen kommt die nächste Übung. Ob ich dann was gelernt habe?
Immer wieder ergeben sich bei den Zusammentreffen mit Menschen ähnliche Fragen. Eine Auswahl: Warum bist du nach MV gezogen. Warum sind die Kinder nicht bei der Mutter. Weshalb hast Du Dich mit Psychologie beschäftigt. Was für Unterschiede gibt es zwischen Ost und West. Heute kam eine interessante Frage: Was würden Deine Ex Partnerinnen über Dich sagen.
Bei der Antwort auf die Ost-West-Frage wird mir immer wieder klar: ich stecke in einer schwierigen Situation. Westmenschen kann ich meistens meine Werte in wenigen Worten vermitteln. Ostmenschen ist Wohlwollen, Wertschätzung und Akzeptanz ungefähr so fremd wie dem Wal die Ostsee. Ob am Ende genau dieser Zwist zum Crash der Familie geführt hat? So unwahrscheinlich ist das nicht. Eines wird mir dabei aber immer klarer: meine Werte sind nicht verhandelbar. Eher bleibe ich alleine. Warum? Ich kann diese Grundhaltung nicht ändern und nicht verlassen. Es ist unmöglich. Klar wird mir auch, dass ich diese vor etwa 25 Jahren angenommen habe. Gläubige oder spirituelle Menschen würden sagen „ich habe Christus in mir entdeckt“. Für meine Werte brauche ich keinen Gott und keinen Christus und keine Spiritualität. Dieser ganze Mimimi macht alles nur kompliziert, nicht begreifbar, nicht vermittelbar, kognitiv und logisch nicht erfassbar. Werte sind nicht beliebig. Werte sind konkret und praktisch. Wobei das alles nur zum Teil stimmt. Es gibt auch viele Westmenschen, die ebenfalls keine ethischen Werte kennen. Und ich kenne Ostmenschen, mit denen kann ich über solche Dinge sprechen.