Herausforderung und Erkenntnisse – es liegt so nah zusammen. Ich bin ehrlich, auf manche Erkenntnis würde ich auch gern verzichten.
Ich frage mich schon lange, weshalb ich den Eindruck habe, dass im ehemaligen Osten mehr schiefe Glaubenskonstruktionen an der Tagesordnung sind als im ehemaligen Westen. Gestern habe ich einen Einblick bekommen. Wie so eine Art Blitzlicht ist da ins Dunkle geschienen. Und die Antwort ist so trivial wie einfach und ich bin schon erschüttert, dass ich da nicht früher drauf gekommen bin. Sie heißt (Originalzitat): „Wir wurden früher auch belogen.“
Die Menschen wussten, dass sie belogen werden. Die Menschen haben sich genau darauf eingestellt, dass sie belogen werden. Sie wurden darauf konditioniert, daran gewöhnt, es war Normalität. Und man muss zugeben, dass sie nach der Wende weiter belogen wurden. Es ist ja nicht so, dass ihnen die Wahrheit gesagt wird. Dass die Schulen Mist sind, dass der Kapitalismus in erster Linie für die Ausbeutung der Menschen gemacht wurde, dass eine Regierung und deren Mitglieder vor allem eigene Interessen verfolgt usw. usw. Da ist natürlich eine gesunde Skepsis durchaus angesagt, die ich auch teile. In diese Skepsis kommen dann die selbsternannten Propheten mit ihren Verschwörungstheorien und finden fruchtbaren Boden. Und plötzlich gedeihen die wunderbarsten Landschaften aus krausen Ideen, sich selbst verstärkenden Irrtümern und diese eigentümliche vielfältige Kultur, die sich selbst stützt und braucht, weiter wächst und wuchert. Und nein, den Menschen geht es dabei nicht gut. Und ja, in diesem Geflecht findet sich der Einzelmensch aufgehoben und eingebunden. Für ihn selbst ergibt das sogar einen Sinn. Er zehrt von anderen Kräften und wirkt fleißig an dem kruden Ideenfilz mit. Gestern habe ich auch Einblick nehmen dürfen in diesen Filz, in diesen schier endlosen Katalog der Verschwörungsideen. Ich erspare euch dies. Aber es macht mich nachdenklich. Dass die Schulen in Finnland nur so gut sind, weil die Finnen das DDR-Schulsystem kopiert haben, ist da noch harmlos.
Wir sprechen auch über den Wal. Es gibt Experten, die sagen, dass man bei den ersten Dates keine wichtigen Themen ansprechen soll. Ich bin da anderer Ansicht. Und das praktiziere ich auch. Wenn es bei den Herzensthemen kein lebendiges Gespräch gibt, wie sollte man da jemals zusammenleben können? Wobei ich relativieren muss, dass der Wal jetzt nicht unbedingt zu meinen Herzensthemen gehört. Der Wal ist ein Phänomen. Ein Wolfgang (nicht ich!) schreibt im YT-Chat:
diese ganze Aktion, die Reaktion der Leute – auch hier im Chat – ist ein sehr interessanter und zugleich sehr abschreckender Spiegel, ein Brennglas auf unsere Gesellschaft.
Ich bin also nicht allein. Es ist für mich eher ein Phänomen, auf das ich drauf schaue aus einer anderen Welt.
Die Jungs finden Praktikum gut. Wir stehen entspannt auf, frühstücken und dann fahren sie mit ihrer Fahrkiste zur Arbeit. Und einmal mehr wünschte ich mir so, dass die Schule nicht so belastend und demütigend wäre. Dass sie in ihr Praktikumsheft schreiben, dass alle Menschen um sie herum wohlwollend und wertschätzend sind, dass sie gelobt werden, dass sie einfach interessante Sachen machen können, dass es dort entspannt zugeht, dass die Kantine schön ist – wie in Wutöschingen 😉. Und ok … in Tressow könnte es auch so sein … nur sind da nicht mehr so viele 😀. Wir lassen uns davon auch nicht irre machen. Wir machen weiter. Als göttinnenfreier Nichtraucherhaushalt. Hülft ja nüscht.
Ansonsten werde ich die Energie für die Herausforderung etwas zurück nehmen. Und dem Zufall und dem realen Leben mehr Raum geben. Vielleicht kommt mir ja noch eine kluge Idee. Oder eine unerwartete Wendung. Es bleibt interessant. Es bleibt spannend.
Während ich beim schönsten Wetter umgrabe kommt der Nachbar. Er macht mich darauf aufmerksam, dass die Pappeln keine neuen Blätter machen. Löst sich da vielleicht bald ein Problem?
Ansonsten gibt es noch ein paar andere Baustellen. Ich muss mich nochmal um die Funktion der Photovoltaikanlage kümmern. Supportanfragen sind ja mein Lieblingsding… Die Dunstabzugshaube in Lörrach muss gerichtet werden und ich muss noch etwas mit den Fliesen für die Toilettenrenovierung klären. Das muss ich sofort machen – der Fliesenleger will weiter machen. Kriegen wir aber hin.
Der Wal wird in seinem Blechaquarium durch die Ostsee geschippert. Und denkste es ist Ruhe damit. Nein, die Experten überschlagen sich weiter mit Anteilnahme. Hei … die könnten hier mal den Garten umgraben, die Dachrinne reinigen, die Fenster putzen – es gäbe jede Menge sinnvolle Arbeit.
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