Ich bin (k)ein Notfall!

12 Apr.

Ich muss das mal eben ganz kurz aufschreiben, was sich hier in der letzten halben Stunde abgespielt hat.

Es ist Sonntag, kurz nach 8 Uhr. Draußen hat es leicht geregnet. Ein grauer aber schöner Frühlingsmorgen. Ich beschließe aufzustehen. Gleichzeitig steht ein Jugendlicher auf. Ich gehe ins Bad. Wir sagen Guten Morgen. Mich überkommt ein warmer Glücksschauer über dieses Glück. Während ich im Bad bin, geht er runter und spielt Klavier. Gestern haben wir ein bisschen Quintenzirkel gelernt. Er hat danach gefragt, hat die Reihenfolge der Kreuztöne gelernt. Und nun spielt er Klavier. Freiwillig. Nicht weil er muss. Freiwillig – ich betone das einfach nochmal, weil es mir wichtig ist. Ähnlich wie vor zehn Jahren. Genau. Vor zehn Jahren begann unsere Klavierkarriere, die dann durch die Musikschule etwas jäh unterbrochen wurde. Wie mir der kasachische Klavierpädagoge mit entschlossener Stimme erklärte: „Ältern aben Autorritêt!!!“ – konnte ich noch schlimmeren Schaden verhindern, indem wir zu einer anderen Pädagogin gewechselt sind. Über vier Jahre haben wir durchgehalten. Dann wurde der Musikunterricht erst einmal ad acta gelegt. Mittlerweile spielen zwei Jugendliche wieder freiwillig Klavier. Nein, sie werden keine Klaviervirtuosen – warum sollten sie?

Ich lasse mir Zeit im Bad und mit dem Anziehen. Ich will ihn nicht stören. Er macht Tonleiterübungen und Harmonieübungen. Er will sich selbst erleben und ausprobieren. Er will keine Ratschläge.

Schließlich hört er auf zu spielen, macht sich einen Tee, ich gehe runter. Er sagt „Guten Morgen!“ – Ich sage „Guten Morgen! – Das haben wir heute schon gesagt.“ – Er lächelnd: „Ach – -“ Ich: „Jetzt bin ich aber froh – mir ist das neulich auch schon mal passiert. Wahrscheinlich habe ich dazwischen auch Klavier gespielt. Klavierspiel macht, dass das Hirn durchgespült wird.“ – „Ja, das stimmt, es wird dann erneuert.“ –

Versteht ihr, was ich euch mit dieser Geschichte erzählen will? Wäre ich ein Notfall, wären solche Glücksmomente ausgeschlossen. Es gibt sie täglich. Wäre ich ein Notfall, könnte ich sie nicht wahrnehmen. Es würde mich nerven, dass der Junge hauptsächlich falsche Töne am Klavier produziert. Es würde mich schon nerven, dass es draußen regnet. Wäre ich ein Notfall, würde mir der Jugendliche nicht zweimal Guten Morgen sagen. Wäre ich ein Notfall, würden wir dies auch nicht symptomatisch reflektieren.

Jetzt kommt aber die etwas kuriose Krux. Weshalb ich das k eingeklammert habe. Ich habe bisher niemanden gefunden, der dieses geniale Leben mit mir teilen möchte. Und das ist nicht das Ende. Es könnte ja sein, dass ich ein gesundheitlicher Notfall wäre, ein psychischer Notfall oder ein finanzieller. Ich bin nicht perfekt. Weder in der Selbstreflexion noch im Wesen. Garantiert nicht! Ich sehe mich aber weder als psychisch, physisch oder wirtschaftlichen Notfall. Ja! Jeder Mensch, auch ich, kann jederzeit zu einem Notfall werden. Ein Schlaganfall reicht. Ich weiß allerdings, warum ich doch ein Notfall bin. Wenn man sich die Gesellschaft in einer vieldimensionalen Wolke vorstellt. Es müssen auf jeden Fall mehr als drei Dimensionen sein. Die einzelnen Menschen stellen einzelne Wassertröpfchen in dieser Wolke dar. Dann bin ich garantiert nicht dort, wo sich die meisten Tröpfchen befinden. Ich befinde mich irgendwo außerhalb. Ein Exot. Ein Außenseiter. Einer der nicht nur ein bisschen anders ist. Und doch auch nicht alleine sein will. Und deshalb vor 25 Jahren eine Wohngemeinschaft gegründet hat … Stooooopp! – Hier machen wir mal nicht weiter. Den Rest vom Blog muss ich jetzt nicht wiederholen – ihr könnt den einfach selber lesen. Da capo gibt es wohl in der Musik. Im Leben nicht.

Irene hat mir geschrieben. Mitten in der Nacht. Sie hat Freizeitstress. In der vorherigen Nachricht habe ich sie provokant gefragt, was sie denn mit dem Freizeitstress verdrängen oder kompensieren muss. Darauf hat sie nicht geantwortet – muss sie auch nicht. Sie fragt mich statt dessen: „Du bist glaube ich nicht so der wortkarge Typ Mann, oder? (provokant kann ich auch 😉)“ – wie online Dating doch einen verzerrten Eindruck hinterlassen kann … Nun, mit jemandem, der im Freizeitstress versinkt, wird eine Partnerschaft eher schwierig. Eine Partnerschaft geht man nicht mal so nebenbei ein. Irene wird früher oder später auch wieder gehen. Je früher, desto einfacher ist es. Mein kleines Problem ist nur: ich kann nicht einfach sagen „aus uns wird nichts“ und auf das Kreuz drücken. Denn ich weiß es nicht. So lange es nur eine Frau ist mit der ich hin und her schreibe, ist das noch eine ganz nette Abwechslung. Fragen werden beantwortet. Ich habe auch ganz klar entschieden, dass ich jeder Spur folgen werde. Das gehört zur Challenge dazu.

Jetzt wird aber erst einmal Klavier gespielt. Ein Sonntag ohne Klavier? Nicht denkbar.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert