Tag 400 – ein besonderer Tag …

21 Juni

Ich gehe schwimmen. Das Wasser bekommt langsam Betriebstemperatur. Wunderschön. Im stillen See. Morgens. Ganz allein. Und denke an die Frau, die ich hier mal getroffen habe … wunderschön.

Dann richte ich die Sachen für meinen heutigen Einsatz. Ich habe Dienst. Dienst für die Gemeinschaft und für die gute Sache. Ich mache noch schnell eine Überweisung, lese noch kurz die Zeitung und spende noch einen kleinen Betrag für eine Frau, die eine Nierentransplantation benötigt. Ihre Kinder haben eine gofundme Aktion gestartet. Die Frau kenne ich nicht. In dem Cafe, das sie zusammen mit ihrem Mann betreibt, habe ich aber auch schon Kaffee getrunken.

Dann machen wir gemütliches Samstagsfrühstück und dann richte ich wieder Sachen. Was nehme ich nur für ein Buch mit? Ach ja, das könnte gehen: Viktor Fankl, Dem Leben Antwort geben. Es wäre auch ein schönes Vorlesebuch … Einerseits möchte ich etwas zu lesen mitnehmen, andererseits möchte ich Besuchern auch die Gelegenheit zu sehen, was ich lese. Ist vielleicht ein Anknüpfungspunkt für ein Gespräch? Wartet …

Ich starte zu spät.

Ich bekomme – das wusste ich ja – den schönsten Platz, den man an so einer Mittsommerremise haben kann. Ich sitze mit einer Kasse im Schatten und darf die ankommenden Menschen begrüßen. Ich muss keine Coronatests prüfen, ich muss keine Führungsverwaltung machen. Es ist vollkommen entspannt. Das sind auch die Menschen, die wegen des traumhaften Wetters zahlreich kommen. Ich bekomme eine Freundin. Die 10jährige Tochter eines andere Helfers blickt mich nicht an, statt dessen starrt sie auf ihr Händi. Ich frage sie nach ihrem Namen, sage meinen Namen und sage: wao, super (Namen), wenn du mir jetzt deine Telefonnummer gibst, dann können wir miteinander telefonieren.

Manchmal bin ich selbst erstaunt mit welch geringem Aufwand sich das Herz eines Kindes gewinnen lässt. Sie kommt und bringt mir Kaffee und Kuchen. Und dann bringt sie mir ein vierblättriges Kleeblatt. Es soll mir Glück bringen. Ich fange fast an zu weinen. Glücklicherweise nur innerlich. So eine Geste bringt mich fast um den Verstand. Ich bewahre das Kleeblatt seeehr gut auf. Das könnt ihr euch vielleicht denken. Glück. Ich könnte es mal wieder brauchen. Im echten Leben meine ich.

Ein Besucher sieht das Buch und sagt, dass es ein gutes Buch wäre. Aber mit einer Sache wäre er nicht einverstanden. Viktor Frankl schreibt wohl irgendwo, dass man sich für eine Sache ganz und gar einsetzen müsse. Keine Ahnung was er meinte, aber er meinte, dass er damit ganz und gar nicht einverstanden wäre und was ich denn dazu meinte. Darauf entspann sich ein etwas kurioser Dialog. In dessen Verlauf erfuhr ich ein paar Sachen von ihm und über ihn, über seine Einstellung und kurze Ausschnitte aus seinem Leben. Er fragte mich, wo ich her komme. Ich sagte, dass ich aus Tressow komme. Dann sagte er, ob ich Ossi sei. Naja, ich gebe zu, an dieser Stelle musste ich alternative Fakten verwenden … ich hätte ihn sonst aber aus dem Konzept gebracht. Und ob ich Christa Wolf kenne? Und ihr Buch (Titel…) – ich sagte Nein und da zitierte er aus einem Gedicht von Seite (Seitenzahl) „Vom Ich zum Wir“ … und dass das ja ganz schlimm sei. Und ja … warum schreibe ich euch solche Geschichten. Ja, wenn man im Publikumsverkehr arbeitet und ein bisschen offen dafür ist, es quasi auch provoziert, dann bekommt man jede Menge interessanter und weniger interessanter Dinge mitgeteilt, die die Menschen bewegen.

Einige Besucher sagten „interessantes Buch“. Ich las allerdings nur wenig darin. Ich bin schlicht nicht dazu gekommen. Ich lese davon, wie er seine erste Frau kennen lernte, heiratete … und verlor. Und von der Deportation. Ich brauchte immer einen kurzen Moment, um wieder in die Realität zu kommen. Wenn ich im Buch las und die Menschen gingen wieder, dann wollten sie mich nicht stören. Mir war aber auch wichtig die Menschen auch wieder zu verabschieden.

Die meisten Besucher waren hochzufrieden. Es gab dann einen, der war etwas missmutig. Der meinte „Sie sind das Highlight hier …“ – Die Helferstochter kam und brachte mir noch einen Kaffee und später noch eine Bratwurst. Die Besucher sagten: Sie haben den besten Platz. Ich sagte: Ja. Gelegentlich kurze Gespräche. Auch mal das Lächeln einer Frau. Es tut der einsamen Männerseele gut.

Es kamen Lehrerinnen der früheren Schule. Es kamen Schüler der früheren Schule. Es kamen Menschen in schicken Audi Q8-Autos (UVP ab 88.400 Euro), Cabriolets und Porsches und schicken Mercedes-Autos. Es kamen vier Wandererinnen aus Wismar. Die wollten aber nicht ins Schloss, sondern weiter wandern.

Um 16 Uhr habe ich dann schon wieder abgebaut. Ich lieferte alle Utensilien ab und begab mich selbst in die Veranstaltung und hörte noch etwas Klaviermusik und dann einen qualitativ hochwertigen und lebendigen Vortrag von Klaus Ramisch über Tisa von der Schulenburg, die Familie Schulenburg und das Schloss. Und ich kann verstehen, dass einige Besucher sagten: Schloss Tressow ist das Highlight! Was hier geboten wurde, war wirklich großes Kino. Also – voll empfehlenswert.

Drei BesucherInnen gingen wieder. 6 Euro Eintritt für Livemusik, Blick ins Schloss, Ausstellung mit Vortrag und Schlossführung waren ihnen zu viel. Das ist zwar so ein bisschen schade. Aber dann auch nicht zu ändern.

Morgen geht’s weiter.

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