In Schwerin

7 Juli

Ich bin um 7:35 in Schwerin

Bei der Anmeldung bekomme ich die Nr. 24 zugeteilt.

Ich warte. Das ist heute meine Aufgabe.

Ich werde dann zur Datenerfassung aufgerufen. Ich oute mich dort als Schnellleser. „99% unserer Patienten sind Schnellleser“ – erfahre ich dort. Und das eine Prozent? Lesen die alles durch? Ich muss vier Unterschriften abgeben.

Es entsteht kurz Verwirrung und Frage, ob ich nicht in die Privataufnahme will. Will ich nicht. Ich will keine Sonderbehandlung.

Ich werde dann ins Gebäude C1 geschickt, mit einer ungefähren Wegbeschreibung. Ich soll dort zur Ambulanz.

Dort begrüßt mich Frau K. Frau Ks jüngste Tochter hat gerade Abitur gemacht. Sie findet die 9. Klasse schwer. Kurze und nette Begegnung. Ich gratuliere ihr zum bestandenen Abitur der Tochter. Sie erzählt, dass die jüngste Tochter sich schwerer getan hat, mehr lernen musste, dass sie aber jetzt froh und dankbar ist, dass diese Hürde geschafft ist. Wir sind beide der Ansicht, dass die Schülerinnen die Ferien verdient haben. Wir können kurz reden, nach wartet im Moment niemand. Frau K. prüft nochmal meine Daten. Dann werde ich in den Wartebereich 2 geschickt. Dort verbringe ich den größten Teil der Zeit.

Ich bekomme einen Tabletcomputer und muss dort antworten, welche furchtbaren Krankheiten ich habe. Ich habe keine. Dafür schreibe ich stolz meine Berufsbezeichnung rein: Heilpraktiker für Psychotherapie. Ich muss Mittelstrahlurin im Zimmer 34 abgeben. In einem anderen Zimmer wird mir Blut abgenommen. Die Krankenschwester fragt, ob ich Angst vor der Blutabnahme habe. Die Krankheit, die sie da abfragt ist die Trypanophobie. Ich sage, dass ich keine Angst vor ihr habe und dass sie es vermutlich schon einmal gemacht hat. Sie sagt, dass sie es im Schlaf könne. Die Frau bei der Blutabnahme macht ihre Arbeit gern, attestiert mir Idealgewicht und macht in vier Stunden etwa 30 Blutabnahmen.

Ich sehe viele Menschen. Jeder mit eigener Geschichte. Die meisten mit eigenen Leidensgeschichten. In der Urologie finden sich doch eher ältere Menschen. Wieviel Menschen wohl hier sind, deren Leiden primär psychische Ursachen sind? Verbreitet und sichtbar ist Adiposität.

Ich finde ein freies WLAN. Andere Patienten spielen Tiktok, ich schreibe meine Eindrücken auf.

Einige Patienten kommen in Begleitung. Ich habe meiner Begleitung abgesagt. Auf die Frage bei der Datenerfassung, wer denn als Angehöriger gegebenenfalls benachrichtigt werden soll, konnte ich klar sagen: Niemand. Die Krankenschwester schien das nicht zu überraschen.

Ob ich von hier sei. Wollte sie wissen. Ich sagte, dass ich vor zwölf Jahren hierher gezogen bin. Damit war ich für sie von hier.

Nach drei Stunden gönne ich mir einen Automatenkaffee für 1,50 Euro. Schwester K schenkt mir einen freundlichen Blick.

Ich bekomme den Eindruck, dass mich das System vergessen hat.

Nein, das System hat mich nicht vergessen. Nachdem ich mir noch ein Mineralwasser gezapft, ein Sudoku gespielt und lustlos durch die ADAC Zeitung geblättert habe, werde ich von Frau Dr. Becker aufgerufen.

Ich sage ihr, dass ich den Eindruck habe, dass sie viel zu tun hat, was sie mir bestätigt.

Es folgt ein ausführliches Aufklärungsgespräch, sie fragt mich nochmal die gleichen Sachen (Medikamentenplan, Allergien, Suchtmittelgebrauch usw.), die ich schon im Fragebogen beantwortet habe und fragt mich, ob mich nach der OP jemand überwachen kann, was nicht der Fall ist. Super … Ich darf also nächste Woche eine Nacht im Krankenhaus übernachten. Sie macht noch einen Ultraschall, kann darauf nichts sehen und schickt mich ins Haus H zum Röntgen.

Dort sitze ich nun wieder in einem Wartebereich 2 und spiele mit meinem Händi. Im Belegungskalender der Ferienwohnung schaue ich nach, ob ich auch wirklich eine Nacht in Schwerin bleiben kann und am darauffolgenden Tag auch wirklich kein Belegungswechsel in der Ferienwohnung ist. Es zeigt sich einmal mehr die ganze Idiotie meiner Lebenssituation. Ich begegne dem mit einem Lächeln 😃. Wenn es an mir hängt, dass die Welt zusammenbricht, dann soll sie eben zusammenbrechen.

Frau T. wird aufgerufen. Huch … Frau T.? Ja, die kenne ich. Wie klein doch die Welt ist. Als Frau T. fertig ist, kommt sie mit ihrem Mann an mir vorbei.

Um 12.30 mache ich mich geröntgt wieder auf den Weg quer durch die Klinik nach C1 und klopfe am Zimmer 36. Unterwegs lockte Kassler mit Brot für 4,50 Euro. Das gönne ich mir, wenn ich fertig bin.

Mir kommt das alles hier etwas idiotisch vor. Ziemlich viel Aufwand für … Ja, wofür eigentlich? Wenn ich ein Gesundheitssystem erfinden würde, dann wäre es sicher nicht in erster Linie Bürokratie. Ich sehe wohl, dass das alles gewissen Standards folgt und einigermaßen komplex ist. Dass aber eine blöde Patientenaufklärung von aprobierten Ärzten gemacht werden muss, die dann nicht einmal die Operation ausführen? Nicht wirklich intelligent.

Ich zeichne noch eine epetition https://epetitionen.bundestag.de/petitionen/_2026/_04/_28/Petition_199509.html

Dabei muss ich erst einmal mein Passwort erneuern. Schon auf eine Art witzig, was mit einem Händi alles möglich ist. Warum zeichnen eigentlich die anderen keine Epetition, die da im Wartebereich sitzen? Es kostet nichts.

Eine Syrerin (vermutlich) hat offenbar einen Nierenstein. Sie scheint Schmerzen zu haben. Sie wird zum MRT geschickt. Sie versteht es nicht. Ihr Dolmetscher ist gerade nicht da. Aaah genau … das sind doch die Menschen, die dem Herrn Merz die Arzttermine wegnehmen. Mehrzweckeier …

Ich werde nochmals aufgerufen. In Zimmer 36 erwartet mich der Anästhesist zum Aufklärungsgespräch. Ich werde nochmals nach Allergien, Suchtmittel- und Medikamentenkonsum gefragt und ob ich vier Stockwerke Treppen steigen kann ohne zu schwitzen. Er stimmt zu, dass ich eine Spinalanästhesie bekommen kann. Falls das nicht klappt, werde ich auch über eine Vollnarkose aufgeklärt. Dann kommt nochmal das Überwachungsblabla. Dann werde ich von ihm entlassen, soll aber nochmal in Zimmer 34, da dort das Röntgenbild begutachtet wird. Die Ärztin ist allerdings nicht da. Ich werde entlassen. Sie wollen mich anrufen, wenn das Röntgenbild ausgewertet ist.

Um 13.30 Uhr gehe ich die Treppe ins Erdgeschoss runter. Dort begegne ich der lächelnden Frau K. Sie klopft mir auf den Arm und sagt „Alles Gute Herr Bund“. Und ich staune. Die Frau hat in den letzten Stunden einige Patientinnen gesehen und begrüßt und informiert. Und sie erinnert sich an meinen Namen. Ich wünsche ihr auch alles Gute.

An der Cafeteria komme ich nicht vorbei. Ich leiste mir Kassler mit Brötchen und versuche aus dem Krankenhausmodus raus zu kommen. An der Anmeldung wird da gerade der Patient mit der Nummer 118 aufgerufen. Der Parkautomat will dann noch sieben Euro von mir. In bar. Manchmal checke ich diese Welt nicht so ganz. Viele Parkautomaten nehmen nur noch Karte. Dieser nimmt nur Bargeld.

Als ich in die Straße Am Tressower See einbiege kommt mir ein grauer Opel Rocks-e entgegen. Er stoppt an der Stoppstelle.

Das Fazit

Ein Krankenhaus ist ein Moloch. Eine Maschine. Der Mensch wird reduziert und in eine Menge geworfen, so dass er nicht mehr erkennbar ist. Je mehr Patienten pro Stunde abgefertigt werden können, desto besser für das System und die Investoren. Erstaunlich ist dann aber, dass wenn man sich selbst als Mensch zeigt, dann zeigen sich auch die Menschen im System. Mit einem Lächeln. Oder einer Geschichte aus ihrem Leben. Ich werde nicht mehr so oft in so ein Krankenhaus gehen. Auch wenn dort eine Menge Hightech versteckt ist und die Menschen ihre Arbeit dort mit einer gewissen verbissenen Leidenschaft machen, so fühle ich mich dort nicht so wirklich wohl. Es ist zu viel Krankheit. Und zu viel Krankheit im System. Das Gebäude hat so einen 60er-Jahre-Charme. Die Investoren wollen ja vor allem Profit sehen. Nur kranke Menschen generieren Profit. Das ist so gar nicht meine Welt.

Daher geht hier meine Botschaft raus: passt auf die Affenbrotbäume auf.

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