Der Tag beginnt mit einem wunderbaren Traum. Es muss später Vormittag sein, da die Eichenbank an der Ostseite des Hauses in der Sonne steht. – Das ist einfach nur eine Notiz für mich, damit ich es nicht vergesse. Der Traum hat den Tag mit einer befriedigenden Ruhe und Zufriedenheit beginnen lassen. Ich konnte ein Stück weit verdrängen, dass das wirkliche Leben dann doch etwas anders ist. Also krass anders.
Ich mache etwas Hausarbeit und lade Altglas ein bevor ich zur Probe starte. Die Probe … Es ist schon lustig, wenn man da als einzige Männerstimme zwischen zwanzig Frauen singt. Ein bisschen lustig. Ich wollte nicht wissen, was los wäre, wenn nur eine einzige Sopranistin da wäre. Oder nur eine einzige Altistin. Ich nehme es mit Humor und irgendwie ist das auch schon ganz schön cool, wenn man sich auf diese Art und Weise behaupten kann. Bisschen schade, dass ich noch nicht an allen Stellen 100%ig sicher bin. In der Mittagspause gehe ich raus in die Sonne. Es ist wirklich so schön gerade.
Die Probe ist kurz vor 14 Uhr zu Ende. Geprobt haben wir im Gotteshaus. Da überlege ich kurz, ob ich noch am Palast der Göttin klopfe … und sie auf ein Eis einlade. Nur … sie wird mein Klopfen nicht erhören. Sie wird keine Zeit haben. Sie wird meine Worte nicht hören. Sie hat das schon mehrfach beteuert, dass sie keine Besuche wünscht. Schade. Das Telefon nimmt sie auch nicht ab, zumindest wenn ich anrufe. Schade. Nein heißt Nein. Blöde Regel. Zu ärgerlich, dass ich kein Göttinnenisch spreche. Ich verspreche es euch … ich würde die Welt sonst schon ein bisschen in Ordnung bringen. Da ich mir zum einen die mentale Enttäuschung ersparen möchte und zum anderen doch ziemlich viel Arbeit in Tressow habe, fahre ich wieder nach Hause. Voll schade … der Traum könnte auf andere Art und Weise in Erfüllung gehen … Auf der Rückfahrt denke ich daran, weshalb Menschen Brücken abbrechen. Warum? Von mir aus könnte die ganze Welt voller Brücken sein. Man kann eigentlich nicht genug davon haben. Wie wertvoll Brücken sind, das kann man in Städten erleben, die von Flüssen und Kanälen durchzogen sind wie das wirkliche Leben. Wie mühsam es ist, eine ordentliche Brücke zu bauen. Und wie einfach ist es, eine Brücke abzubrechen. Menschen.
In Tressow mache ich eine kurze Stärkungspause. Dann sammle ich Material und Werkzeug und dann wird am Zaun weiter gebaut. Oder gepfuscht? Ich bin sicher, dass richtige Gärtner solche Zäune viel professionelle und schöner und schneller bauen können. Meiner ist krumm und schief … Dann kommt ein 15jähriger und meint, ob es nicht auch mal Zeit wäre Rasen zu mähen. Ok … das ist eine echte Initiative. Die passt mir gerade zwar wirklich nicht in den Kram aber ich wäre ein Idiot, wenn ich die Initiative eines 15jährigen bremsen würde. Also wird die Batterie vom Rasentrecker aufgeladen und der Rasentrecker aus dem Winterlager befreit. Ich glaube, der Junge sitzt schon zehn Jahre auf dem Rasentrecker – ich kann ihm zumindest nichts mehr vormachen. Er mäht. Ich baue weiter an meinem Zaun. Die Schnecken freuen sich schon … die schauen sich bestimmt aus der Wiese an und lachen darüber, was ich denn da baue. Und die ganz schlauen Schnecken, die werden dann erst einmal eine andere Schnecke vorschicken und sagen: geh Du mal voraus. Neinnein, da ist kein Strom drauf – das macht nichts. Und wenn die andere Kollegin dann einen Stromschlag bekommt, dann lachen sie sie vielleicht noch aus. Schnecken sind vor allem eines: gemein und hinterhältig. Zuerst habe ich überlegt, ob ich die Bretter noch hoble. Ich mache es dann doch nicht. Zu viel Arbeit. Ich glaube zwar, dass ich die Haltbarkeit erhöhen würde. Aber nun gut … Da der Zaun länger als 20 Meter ist fehlt ein Stück Elektrozaun. Da will ich morgen etwas hin basteln. Freestyle. Ich hatte mir erst überlegt den ganzen Zaun freestyle zu bauen. Da aber dieser Spezialzaun so günstig ist, lohnt sich eine Eigenkonstruktion nicht wirklich.
Ja, und wenn ich so mit Händen und anderen Werkzeugen in der Erde buddle, dann stoße ich immer wieder auf kleinere und größere Wurzeln. Diese Wurzeln können wieder einen Unkrautfilz hervorbringe und ich denke an die Geschichte mit den Affenbrotbäumen. Ja, genau so ist es. Die Geschichte begegnet mir auch immer wieder. Vielleicht lest ihr sie einfach mal wieder durch. Hier ist der halbe Garten voller Affenbrotbäumen. Und ja, mancher Kopf ist auch voller Affenbrotbäume. Ich begegne ja bei meiner Herausforderung auch immer wieder den unterschiedlichsten Menschen. Sie kommen mir so zwanghaft, so unfrei, so voller Affenbrotbäume vor. Wirklich ischschwör allda ei! Sie kommen mir alle krank vor und so muss ich annehmen, dass ich auch allen krank vorkomme. Jeder auf seine ganz spezielle Weise. Viele sind konsumsüchtig. Andere spirituell. So spirituell, dass ein normales Gespräch unmöglich ist. Ich halte viele Menschen, die sich als spirituell ausgeben bereits für leicht wahnhaft. Welche Gedankenkonstruktionen über Tiktok, Whatsapp und andere Wahnsinnsmedien in die Köpfe der Menschen gelangt, das glaubt einer allein nicht. Wahnhaft bedeutet, dass es nicht korrigierbar ist. Und jetzt sage einmal jemandem der an die flache Erde glaubt, dass die Erde rund ist. Du hast keine Chance. Die Gedankenkonstruktion ist so stabil, dass kein vernünftiges Argument verfängt. Keines! Im Gegenteil. Sie kennen alle Argumente, wie sie Dich als wahnsinnig diagnostizieren können weil Du behauptest, dass die Erde einer Kugel ähnelt.


