Essen, Essen, Essen

In Krisenzeiten bekommt das Essen eine ganz neue Bedeutung. Durch Corona haben wir weniger äußere Ablenkung – zumindest einige Mitbürgerinnen. Wir haben Zeit. Und Essen bringt eine gewisse Befriedigung – zumindest für einige Mitbürgerinnen. Für einige Zeit. Möglicherweise fehlt die ausgleichende Bewegung, die dann auch wieder für Befriedigung sorgt bzw. der späteren Frustration entgegen wirkt…

Am Samstag gibt es – sehr sehr lecker – ich kann das Gericht empfehlen … Grüne Heringe, Kartoffeln, Quark, Remoulade …

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Die Remoulade ist selbstverständlich selbst gerührt. Tradmans Trick: alle Zutaten in einen Messbecher füllen, dann mit dem Zauberstab von unten nach oben durchrühren. Fertig. Findet man so aber auch als Trick in diversen Rezeptsammlungen. Ansonsten: nächstesmal weniger Salz an die Fische machen. Wenn möglich draußen braten. Aber insgesamt: sehr lecker!

Ansonsten sind alle mehr oder weniger mit Insta beschäftigt.

Da nicht alle Fische aufgegessen werden, gibt es am Sonntag Fischrecyclingessen. Kartoffelauflauf mit Brathering und Brokkoli.

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Der Brokkoli ist diesmal etwas sehr bissfest. Hierzu kein Tradmanstrick. Ich übe noch. Ansonsten macht sich die Kombination sehr gut.

Am Montag … ist wieder Werktag. Es ist Anne-Christins erster Homeofficetag. Sie sitzt – wie es die Fachleute empfehlen – ganz herausgeputzt im Büro (kein Foto). Da Werktag ist, steht wieder ein Haufen auf meiner Todo Liste. Wirklich viel bekomme ich davon nicht abgearbeitet. Unter anderem versuche ich irgendwie unsere Internetanbindung günstiger zu machen. Die Wemag (das ist die Firma, die hier das Glasfasernetz bauen soll) hat uns geschrieben, dass sich der Ausbau durch Corona verzögert. Die polnischen Arbeiter dürfen nicht mehr kommen und die Hausinstallationen können auch nicht gemacht werden. Außerdem steigt unser Datenvolumen locker auf ca. 150 GB pro Monat. 50 GB sind inklusive. Weiterhin kann ich 25 GB-Pakete zu 25 Euro dazukaufen. Alternativ gäbe es ein Angebot mit echter Flat (unbegrenztes Volumen) für 75 Euro pro Monat. Das hat allerdings eine Mindestlaufzeit von 24 Monaten. Wenn also die Wemag in einem Jahr fertig wäre, wären das 150 Euro pro Monat. Dann kann ich auch auf dem bestehenden Paket 25 GB Päckchen dazu kaufen. Wartemelodien und Gespräche bei der Telefonberatung sind eher frustrierend. Das meiste von den 150 GB dürfte für sinnlose Streamingangebote drauf gehen. Leider kann ich das verbrauchte Volumen pro Gerät nicht messen.

Dann fällt immer mal wieder für ein paar Sekunden der Strom aus. Das Homeoffice ist davon weniger betroffen, da es mit akkubetriebenen Geräten hantiert. Bei mir haut es ein paarmal die Arbeit vom Bildschirm. Ich mache Pause.

Gegen Mittag steht eine Schulstunde Kochunterricht auf dem Stundenplan. Schon vor ein paar Tagen habe ich das Hackfleisch aufgetaut und auch schonmal eine rote Bolognese gemacht. Wir machen also nur noch Bechamelsauce und bauen die Lasagne zusammen.

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Dienstag ist Heimarbeitstag Nr. 2. Mir fällt ein, warum die Tradwife Bewegung so wichtig ist.

In der Woche drei der Isolation wird immer wieder das Thema Vereinsamung und fehlende soziale Kontakte thematisiert. Eine Situation, die für viele Menschen offenbar neu und ungewohnt ist. Eine Situation, wie sie für andere Menschen alltäglich ist. Hier, an diesem wunderschönen Ort, an dem ich diesen Bericht schreibe, sind schon zwei Ehen in Fetzen geflogen. Die Details kenne ich nicht. Es wird mir aber klar, dass die Tradwife Bewegung wichtig ist. Ein Tradwife legt wert auf eine gute Ernährung der Familie, kümmert sich um die niedrigen Dinge des Lebens, ist möglicherweise für die Kinder da. Eine Arbeit, die in der Gesellschaft einen mehrfach niedrigen Stellenwert hat, ja belächelt wird. Das Tradwife wird mit seiner Arbeit nie Ruhm und Ehre erlangen, als wichtig angesehen. Das hängt allein mit den Strukturen zusammen. Der private Haushalt ist ein Ort der Kreativität und des Verbrauchs.

Dies schafft schon ein Ungleichgewicht innerhalb des Haushalts. Es gibt einen Musikerwitz. Clara Schumann tritt in St. Petersburg auf. Dort wird sie dann gefragt: ist Ihr Mann auch Musiker? Man könnte anfügen … oder ist er nur Hausmann? – Hausfrauen als Helden? Hausfrauen, über die Zeitungsartikel geschrieben werden, die in Radiosendungen auftreten, die Budgets im 5- und 6- und mehrstelligen Bereich verwalten? Die an wichtigen Sitzungen teilnehmen? Die von Kolleginnen und Kollegen, von Vorgesetzten gelobt werden? Die Dankesmails von Kunden bekommen? Eher unwahrscheinlich. Eine Gehaltserhöhung oder eine Beförderung bei höherer Qualifizierung oder besonderer Leistung oder weil die nächsthöhere Stelle frei wird? Eher unwahrscheinlich. Auch eine entsprechende Würdigung bei intelligenter Wirtschaftsweise, beispielsweise durch klugen, regionalen, CO2-sparenden Einkauf oder ressourcenschonendes Verhalten? Eher unwahrscheinlich. Wenn sie Glück hat, bekommt sie für ein fein gekochtes Essen ein „Hmmm“ oder „hab schon besseres gegessen …“.

Es gibt viele bezahlte Stellen in der freien Wirtschaft und der öffentlichen Verwaltung, in denen die Anzahl der Meetings als Kenngröße für die Wichtigkeit der Position gilt. Wenn eine Hausfrau ihre sozialen Kontakte pflegt, wird es dann zuhause eher heißen „wofür brauchst Du eine Putzfrau? Du hast doch den ganzen Tag Zeit …“. Oder sie hört von den Menschen, die sie eigentlich für ihre Tätigkeit lieben sollten so nette Worte wie „die Armaturen im Bad könnten auch einmal poliert werden!“ oder „hier wurde schon länger nicht mehr Staub gewischt“.

Wird sie nicht von ihrem Mann geachtet, geschätzt und geliebt, hat die Hausfrau an und für sich ein düsteres Dasein in der von Glanz, Glamour, Karriere und Wichtigkeit bestimmten Gesellschaft. Durch die Tradwife Bewegung verschafft sich die Hausfrau eine Plattform, sie verschafft sich Beachtung. Sie macht sich, wie die vielen aufgedunsenen sogenannten Leistungsträger unserer Gesellschaft selbst wichtig.

Die Einseitigkeit der Tätigkeiten und deren gesellschaftliche Bewertung ist übrigens eine recht neumodische Erscheinung in unserer Gesellschaft. Genau genommen beginnt dieses traurige Dasein mit der Industrialisierung, der Arbeitsteilung und setzt sich in gerader Linie durch die Emanzipation fort, in der der Frau erklärt wird: Hausarbeit bedeutet nichts, Erwerbsarbeit ist alles.

Nun gibt es noch tatsächlich entscheidende Unterschiede zwischen Tradwive und Tradman Bewegung. Diese in angemesserner Art und Weise zu formulieren fehlen mir derzeit jedoch die passenden Worte. Daher überlasse ich es der Phantasie der Leserinnen hier weiter zu spinnen.

Der Dienstag ist nicht nur der Heimarbeitstag Nr. 2, sondern in anderer Hinsicht ein sehr besonderer Tag. Es gibt wieder einmal … Recyclingessen 🙂 – Vom Heringsessen ist noch Remoulade übrig. Daraus macht Anne-Christin zur Feier des Tages den feinsten Eiersalat mit frischem Schnittlauch auf gerösteten Brötchenhälften …

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Danach gibt es Bratäpfel aus dem Holzofen.

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Mittwoch ist kein Heimarbeitstag. Versteht ihr Heimarbeit? Es ist die deutsche Übersetzung von Homeoffice. Homeoffice ist neudeutsch. In Wismar finden wichtige Sitzungen statt. In Tressow nicht. Donnerstag ist diese Woche Einkaufstag, weil da wieder Heimarbeitstag ist. So schaue ich, was man noch so an Resten verwerten kann. Kohlrabi sind noch da. Es gibt dann Spätzle mit panierten Kohlrabischeiben und Specksauce.

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In der Pfanne ganz rechts auf dem Bild ist angebratene Panade. Die Spätzle mache ich aus 300 g 405er Mehl, 100 g Polenta und 100 g Weichweizengrieß. Dazu kommen fünf Eier, Salz und etwa 220 ml Wasser. Da der Teig damit noch etwas zu flüssig ist, kommen nochmal 100 g Mehl und ein Ei rein. Den Teig etwas quellen lassen.

Am Donnerstag werden früh um kurz nach halbacht die Fenster geliefert. Seither sieht das Haus etwas benommen aus. Es strahlen dem Betrachter drei neue Fenster aus drei alten Rahmen entgegen und der Rest alter Fenster aus alten Rahmen. Die zwei Schreiner, die hier Tischler heißen, arbeiten immerhin drei Stunden an der Montage.

Es gibt Thunfischcreme auf frisch gebackenen Weckle, die hier Brötchen heißen. Die Thunfischcreme mache ich mit Joghurt statt Quark und mit Frischkäse. Geht auch.

Dann zur Einkaufsfahrt. Ich suche mir absichtlich eine Zeit, in der vermutlich eher wenig los ist im Laden. Gefühlt geht nun jeder zehnte Kunde mit Handschuhen in den Laden. Die Durchsage ist umgestellt, die Kunden sollen Abstand halten und „wir sind für Sie da … die Versorgung ist gesichert“. Markierungen auf dem Boden. Im Backmischungsregal wartet noch eine Tüte Backmischung auf mich. Ich bin dann doch froh, als ich mit meiner Wochenkiste wieder nach Tressow fahre. Es gibt Eisbergsalat aus Spanien. Und Spätzlerecycling. Käsespätzle – hmmm – mit Kohlrabischnitzelresten.

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Abends wird fleißig weiter an Insta gearbeitet.

Der Abfluss vom Waschbecken im unteren WC ist verstopft – das wird eine Samstagsarbeit. So lange muss er warten.

Jonathan und Anne-Christin backen den leckersten Apfelkuchen von ganz Tressow, Mecklenburg und vermutlich der ganzen Welt …

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Foto: Jonathan

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