{"id":4898,"date":"2026-07-07T16:43:20","date_gmt":"2026-07-07T14:43:20","guid":{"rendered":"http:\/\/tressowblog.dtp-net.de\/?p=4898"},"modified":"2026-07-07T20:36:20","modified_gmt":"2026-07-07T18:36:20","slug":"in-schwerin","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/tressowblog.dtp-net.de\/?p=4898","title":{"rendered":"In Schwerin"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/tressowblog.dtp-net.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/20260707_133826.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"577\" src=\"http:\/\/tressowblog.dtp-net.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/20260707_133826-1024x577.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4908\" srcset=\"http:\/\/tressowblog.dtp-net.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/20260707_133826-1024x577.jpg 1024w, http:\/\/tressowblog.dtp-net.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/20260707_133826-300x169.jpg 300w, http:\/\/tressowblog.dtp-net.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/20260707_133826-768x432.jpg 768w, http:\/\/tressowblog.dtp-net.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/20260707_133826-1536x865.jpg 1536w, http:\/\/tressowblog.dtp-net.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/20260707_133826-940x529.jpg 940w, http:\/\/tressowblog.dtp-net.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/20260707_133826.jpg 1849w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Ich bin um 7:35 in Schwerin<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Anmeldung bekomme ich die Nr. 24 zugeteilt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich warte. Das ist heute meine Aufgabe.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/tressowblog.dtp-net.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/20260707_075403.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"577\" src=\"http:\/\/tressowblog.dtp-net.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/20260707_075403-1024x577.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4896\" srcset=\"http:\/\/tressowblog.dtp-net.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/20260707_075403-1024x577.jpg 1024w, http:\/\/tressowblog.dtp-net.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/20260707_075403-300x169.jpg 300w, http:\/\/tressowblog.dtp-net.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/20260707_075403-768x432.jpg 768w, http:\/\/tressowblog.dtp-net.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/20260707_075403-1536x865.jpg 1536w, http:\/\/tressowblog.dtp-net.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/20260707_075403-940x529.jpg 940w, http:\/\/tressowblog.dtp-net.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/20260707_075403.jpg 1849w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Ich werde dann zur Datenerfassung aufgerufen. Ich oute mich dort als Schnellleser. &#8222;99% unserer Patienten sind Schnellleser&#8220; &#8211; erfahre ich dort. Und das eine Prozent? Lesen die alles durch? Ich muss vier Unterschriften abgeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Es entsteht kurz Verwirrung und Frage, ob ich nicht in die Privataufnahme will. Will ich nicht. Ich will keine Sonderbehandlung.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich werde dann ins Geb\u00e4ude C1 geschickt, mit einer ungef\u00e4hren Wegbeschreibung. Ich soll dort zur Ambulanz.<\/p>\n\n\n\n<p>Dort begr\u00fc\u00dft mich Frau K. Frau Ks j\u00fcngste Tochter hat gerade Abitur gemacht. Sie findet die 9. Klasse schwer. Kurze und nette Begegnung. Ich gratuliere ihr zum bestandenen Abitur der Tochter. Sie erz\u00e4hlt, dass die j\u00fcngste Tochter sich schwerer getan hat, mehr lernen musste, dass sie aber jetzt froh und dankbar ist, dass diese H\u00fcrde geschafft ist. Wir sind beide der Ansicht, dass die Sch\u00fclerinnen die Ferien verdient haben. Wir k\u00f6nnen kurz reden, nach wartet im Moment niemand. Frau K. pr\u00fcft nochmal meine Daten. Dann werde ich in den Wartebereich 2 geschickt. Dort verbringe ich den gr\u00f6\u00dften Teil der Zeit.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/tressowblog.dtp-net.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/20260707_091119.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"577\" src=\"http:\/\/tressowblog.dtp-net.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/20260707_091119-1024x577.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4897\" srcset=\"http:\/\/tressowblog.dtp-net.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/20260707_091119-1024x577.jpg 1024w, http:\/\/tressowblog.dtp-net.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/20260707_091119-300x169.jpg 300w, http:\/\/tressowblog.dtp-net.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/20260707_091119-768x432.jpg 768w, http:\/\/tressowblog.dtp-net.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/20260707_091119-1536x865.jpg 1536w, http:\/\/tressowblog.dtp-net.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/20260707_091119-940x529.jpg 940w, http:\/\/tressowblog.dtp-net.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/20260707_091119.jpg 1849w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Ich bekomme einen Tabletcomputer und muss dort antworten, welche furchtbaren Krankheiten ich habe. Ich habe keine. Daf\u00fcr schreibe ich stolz meine Berufsbezeichnung rein: Heilpraktiker f\u00fcr Psychotherapie. Ich muss Mittelstrahlurin im Zimmer 34 abgeben. In einem anderen Zimmer wird mir Blut abgenommen. Die Krankenschwester fragt, ob ich Angst vor der Blutabnahme habe. Die Krankheit, die sie da abfragt ist die Trypanophobie. Ich sage, dass ich keine Angst vor ihr habe und dass sie es vermutlich schon einmal gemacht hat. Sie sagt, dass sie es im Schlaf k\u00f6nne. Die Frau bei der Blutabnahme macht ihre Arbeit gern, attestiert mir Idealgewicht und macht in vier Stunden etwa 30 Blutabnahmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sehe viele Menschen. Jeder mit eigener Geschichte. Die meisten mit eigenen Leidensgeschichten. In der Urologie finden sich doch eher \u00e4ltere Menschen. Wieviel Menschen wohl hier sind, deren Leiden prim\u00e4r psychische Ursachen sind? Verbreitet und sichtbar ist Adiposit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich finde ein freies WLAN. Andere Patienten spielen Tiktok, ich schreibe meine Eindr\u00fccken auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Einige Patienten kommen in Begleitung. Ich habe meiner Begleitung abgesagt. Auf die Frage bei der Datenerfassung, wer denn als Angeh\u00f6riger gegebenenfalls benachrichtigt werden soll, konnte ich klar sagen: Niemand. Die Krankenschwester schien das nicht zu \u00fcberraschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob ich von hier sei. Wollte sie wissen. Ich sagte, dass ich vor zw\u00f6lf Jahren hierher gezogen bin. Damit war ich f\u00fcr sie von hier.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach drei Stunden g\u00f6nne ich mir einen Automatenkaffee f\u00fcr 1,50 Euro. Schwester K schenkt mir einen freundlichen Blick.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bekomme den Eindruck, dass mich das System vergessen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, das System hat mich nicht vergessen. Nachdem ich mir noch ein Mineralwasser gezapft, ein Sudoku gespielt und lustlos durch die ADAC Zeitung gebl\u00e4ttert habe, werde ich von Frau Dr. Becker aufgerufen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich sage ihr, dass ich den Eindruck habe, dass sie viel zu tun hat, was sie mir best\u00e4tigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es folgt ein ausf\u00fchrliches Aufkl\u00e4rungsgespr\u00e4ch, sie fragt mich nochmal die gleichen Sachen (Medikamentenplan, Allergien, Suchtmittelgebrauch usw.), die ich schon im Fragebogen beantwortet habe und fragt mich, ob mich nach der OP jemand \u00fcberwachen kann, was nicht der Fall ist. Super &#8230; Ich darf also n\u00e4chste Woche eine Nacht im Krankenhaus \u00fcbernachten. Sie macht noch einen Ultraschall, kann darauf nichts sehen und schickt mich ins Haus H zum R\u00f6ntgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dort sitze ich nun wieder in einem Wartebereich 2 und spiele mit meinem H\u00e4ndi. Im Belegungskalender der Ferienwohnung schaue ich nach, ob ich auch wirklich eine Nacht in Schwerin bleiben kann und am darauffolgenden Tag auch wirklich kein Belegungswechsel in der Ferienwohnung ist. Es zeigt sich einmal mehr die ganze Idiotie meiner Lebenssituation. Ich begegne dem mit einem L\u00e4cheln \ud83d\ude03. Wenn es an mir h\u00e4ngt, dass die Welt zusammenbricht, dann soll sie eben zusammenbrechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Frau T. wird aufgerufen. Huch &#8230; Frau T.? Ja, die kenne ich. Wie klein doch die Welt ist. Als Frau T. fertig ist, kommt sie mit ihrem Mann an mir vorbei.<\/p>\n\n\n\n<p>Um 12.30 mache ich mich ger\u00f6ntgt wieder auf den Weg quer durch die Klinik nach C1 und klopfe am Zimmer 36. Unterwegs lockte Kassler mit Brot f\u00fcr 4,50 Euro. Das g\u00f6nne ich mir, wenn ich fertig bin.<\/p>\n\n\n\n<p>Mir kommt das alles hier etwas idiotisch vor. Ziemlich viel Aufwand f\u00fcr &#8230; Ja, wof\u00fcr eigentlich?  Wenn ich ein Gesundheitssystem erfinden w\u00fcrde, dann w\u00e4re es sicher nicht in erster Linie B\u00fcrokratie. Ich sehe wohl, dass das alles gewissen Standards folgt und einigerma\u00dfen komplex ist. Dass aber eine bl\u00f6de Patientenaufkl\u00e4rung von aprobierten \u00c4rzten gemacht werden muss, die dann nicht einmal die Operation ausf\u00fchren? Nicht wirklich intelligent. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich zeichne noch eine epetition <a href=\"https:\/\/epetitionen.bundestag.de\/petitionen\/_2026\/_04\/_28\/Petition_199509.html\">https:\/\/epetitionen.bundestag.de\/petitionen\/_2026\/_04\/_28\/Petition_199509.html<\/a><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/tressowblog.dtp-net.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Screenshot_20260707_151300_Firefox.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"946\" src=\"http:\/\/tressowblog.dtp-net.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Screenshot_20260707_151300_Firefox-1024x946.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4909\" srcset=\"http:\/\/tressowblog.dtp-net.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Screenshot_20260707_151300_Firefox-1024x946.jpg 1024w, http:\/\/tressowblog.dtp-net.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Screenshot_20260707_151300_Firefox-300x277.jpg 300w, http:\/\/tressowblog.dtp-net.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Screenshot_20260707_151300_Firefox-768x710.jpg 768w, http:\/\/tressowblog.dtp-net.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Screenshot_20260707_151300_Firefox-940x869.jpg 940w, http:\/\/tressowblog.dtp-net.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Screenshot_20260707_151300_Firefox.jpg 1080w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Dabei muss ich erst einmal mein Passwort erneuern. Schon auf eine Art witzig, was mit einem H\u00e4ndi alles m\u00f6glich ist. Warum zeichnen eigentlich die anderen keine Epetition, die da im Wartebereich sitzen? Es kostet nichts.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Syrerin (vermutlich) hat offenbar einen Nierenstein. Sie scheint Schmerzen zu haben. Sie wird zum MRT geschickt. Sie versteht es nicht. Ihr Dolmetscher ist gerade nicht da. Aaah genau &#8230; das sind doch die Menschen, die dem Herrn Merz die Arzttermine wegnehmen. Mehrzweckeier &#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich werde nochmals aufgerufen. In Zimmer 36 erwartet mich der An\u00e4sthesist zum Aufkl\u00e4rungsgespr\u00e4ch. Ich werde nochmals nach Allergien, Suchtmittel- und Medikamentenkonsum gefragt und ob ich vier Stockwerke Treppen steigen kann ohne zu schwitzen. Er stimmt zu, dass ich eine Spinalan\u00e4sthesie bekommen kann. Falls das nicht klappt, werde ich auch \u00fcber eine Vollnarkose aufgekl\u00e4rt. Dann kommt nochmal das \u00dcberwachungsblabla. Dann werde ich von ihm entlassen, soll aber nochmal in Zimmer 34, da dort das R\u00f6ntgenbild begutachtet wird. Die \u00c4rztin ist allerdings nicht da. Ich werde entlassen. Sie wollen mich anrufen, wenn das R\u00f6ntgenbild ausgewertet ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Um 13.30 Uhr gehe ich die Treppe ins Erdgeschoss runter. Dort begegne ich der l\u00e4chelnden Frau K. Sie klopft mir auf den Arm und sagt &#8222;Alles Gute Herr Bund&#8220;. Und ich staune. Die Frau hat in den letzten Stunden einige Patientinnen gesehen und begr\u00fc\u00dft und informiert. Und sie erinnert sich an meinen Namen. Ich w\u00fcnsche ihr auch alles Gute.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Cafeteria komme ich nicht vorbei. Ich leiste mir Kassler mit Br\u00f6tchen und versuche aus dem Krankenhausmodus raus zu kommen. An der Anmeldung wird da gerade der Patient mit der Nummer 118 aufgerufen. Der Parkautomat will dann noch sieben Euro von mir. In bar. Manchmal checke ich diese Welt nicht so ganz. Viele Parkautomaten nehmen nur noch Karte. Dieser nimmt nur Bargeld.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich in die Stra\u00dfe Am Tressower See einbiege kommt mir ein grauer Opel Rocks-e entgegen. Er stoppt an der Stoppstelle.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Fazit<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Krankenhaus ist ein Moloch. Eine Maschine. Der Mensch wird reduziert und in eine Menge geworfen, so dass er nicht mehr erkennbar ist. Je mehr Patienten pro Stunde abgefertigt werden k\u00f6nnen, desto besser f\u00fcr das System und die Investoren. Erstaunlich ist dann aber, dass wenn man sich selbst als Mensch zeigt, dann zeigen sich auch die Menschen im System. Mit einem L\u00e4cheln. Oder einer Geschichte aus ihrem Leben. Ich werde nicht mehr so oft in so ein Krankenhaus gehen. Auch wenn dort eine Menge Hightech versteckt ist und die Menschen ihre Arbeit dort mit einer gewissen verbissenen Leidenschaft machen, so f\u00fchle ich mich dort nicht so wirklich wohl. Es ist zu viel Krankheit. Und zu viel Krankheit im System. Das Geb\u00e4ude hat so einen 60er-Jahre-Charme. Die Investoren wollen ja vor allem Profit sehen. Nur kranke Menschen generieren Profit. Das ist so gar nicht meine Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Daher geht hier meine Botschaft raus: passt auf die Affenbrotb\u00e4ume auf.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich bin um 7:35 in Schwerin Bei der Anmeldung bekomme ich die Nr. 24 zugeteilt. Ich warte. Das ist heute meine Aufgabe. Ich werde dann zur Datenerfassung aufgerufen. 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