{"id":4494,"date":"2026-04-12T13:11:26","date_gmt":"2026-04-12T11:11:26","guid":{"rendered":"http:\/\/tressowblog.dtp-net.de\/?p=4494"},"modified":"2026-04-12T13:11:26","modified_gmt":"2026-04-12T11:11:26","slug":"ich-bin-kein-notfall","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/tressowblog.dtp-net.de\/?p=4494","title":{"rendered":"Ich bin (k)ein Notfall!"},"content":{"rendered":"\n<p>Ich muss das mal eben ganz kurz aufschreiben, was sich hier in der letzten halben Stunde abgespielt hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist Sonntag, kurz nach 8 Uhr. Drau\u00dfen hat es leicht geregnet. Ein grauer aber sch\u00f6ner Fr\u00fchlingsmorgen. Ich beschlie\u00dfe aufzustehen. Gleichzeitig steht ein Jugendlicher auf. Ich gehe ins Bad. Wir sagen Guten Morgen. Mich \u00fcberkommt ein warmer Gl\u00fccksschauer \u00fcber dieses Gl\u00fcck. W\u00e4hrend ich im Bad bin, geht er runter und spielt Klavier. Gestern haben wir ein bisschen Quintenzirkel gelernt. Er hat danach gefragt, hat die Reihenfolge der Kreuzt\u00f6ne gelernt. Und nun spielt er Klavier. Freiwillig. Nicht weil er muss. Freiwillig &#8211; ich betone das einfach nochmal, weil es mir wichtig ist. \u00c4hnlich wie vor zehn Jahren. Genau. Vor zehn Jahren begann unsere Klavierkarriere, die dann durch die Musikschule etwas j\u00e4h unterbrochen wurde. Wie mir der kasachische Klavierp\u00e4dagoge mit entschlossener Stimme erkl\u00e4rte: &#8222;\u00c4ltern aben Autorrit\u00eat!!!&#8220; &#8211; konnte ich noch schlimmeren Schaden verhindern, indem wir zu einer anderen P\u00e4dagogin gewechselt sind. \u00dcber vier Jahre haben wir durchgehalten. Dann wurde der Musikunterricht erst einmal ad acta gelegt. Mittlerweile spielen zwei Jugendliche wieder freiwillig Klavier. Nein, sie werden keine Klaviervirtuosen &#8211; warum sollten sie?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich lasse mir Zeit im Bad und mit dem Anziehen. Ich will ihn nicht st\u00f6ren. Er macht Tonleiter\u00fcbungen und Harmonie\u00fcbungen. Er will sich selbst erleben und ausprobieren. Er will keine Ratschl\u00e4ge.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich h\u00f6rt er auf zu spielen, macht sich einen Tee, ich gehe runter. Er sagt &#8222;Guten Morgen!&#8220; &#8211; Ich sage &#8222;Guten Morgen! &#8211; Das haben wir heute schon gesagt.&#8220; &#8211; Er l\u00e4chelnd: &#8222;Ach &#8211; -&#8220; Ich: &#8222;Jetzt bin ich aber froh &#8211; mir ist das neulich auch schon mal passiert. Wahrscheinlich habe ich dazwischen auch Klavier gespielt. Klavierspiel macht, dass das Hirn durchgesp\u00fclt wird.&#8220; &#8211; &#8222;Ja, das stimmt, es wird dann erneuert.&#8220; &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>Versteht ihr, was ich euch mit dieser Geschichte erz\u00e4hlen will? W\u00e4re ich ein Notfall, w\u00e4ren solche Gl\u00fccksmomente ausgeschlossen. Es gibt sie t\u00e4glich. W\u00e4re ich ein Notfall, k\u00f6nnte ich sie nicht wahrnehmen. Es w\u00fcrde mich nerven, dass der Junge haupts\u00e4chlich falsche T\u00f6ne am Klavier produziert. Es w\u00fcrde mich schon nerven, dass es drau\u00dfen regnet. W\u00e4re ich ein Notfall, w\u00fcrde mir der Jugendliche nicht zweimal Guten Morgen sagen. W\u00e4re ich ein Notfall, w\u00fcrden wir dies auch nicht symptomatisch reflektieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt kommt aber die etwas kuriose Krux. Weshalb ich das k eingeklammert habe. Ich habe bisher niemanden gefunden, der dieses geniale Leben mit mir teilen m\u00f6chte. Und das ist nicht das Ende. Es k\u00f6nnte ja sein, dass ich ein gesundheitlicher Notfall w\u00e4re, ein psychischer Notfall oder ein finanzieller. Ich bin nicht perfekt. Weder in der Selbstreflexion noch im Wesen. Garantiert nicht! Ich sehe mich aber weder als psychisch, physisch oder wirtschaftlichen Notfall. Ja! Jeder Mensch, auch ich, kann jederzeit zu einem Notfall werden. Ein Schlaganfall reicht. Ich wei\u00df allerdings, warum ich doch ein Notfall bin. Wenn man sich die Gesellschaft in einer vieldimensionalen Wolke vorstellt. Es m\u00fcssen auf jeden Fall mehr als drei Dimensionen sein. Die einzelnen Menschen stellen einzelne Wassertr\u00f6pfchen in dieser Wolke dar. Dann bin ich garantiert nicht dort, wo sich die meisten Tr\u00f6pfchen befinden. Ich befinde mich irgendwo au\u00dferhalb. Ein Exot. Ein Au\u00dfenseiter. Einer der nicht nur ein bisschen anders ist. Und doch auch nicht alleine sein will. Und deshalb vor 25 Jahren eine Wohngemeinschaft gegr\u00fcndet hat &#8230; Stooooopp! &#8211; Hier machen wir mal nicht weiter. Den Rest vom Blog muss ich jetzt nicht wiederholen &#8211; ihr k\u00f6nnt den einfach selber lesen. Da capo gibt es wohl in der Musik. Im Leben nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Irene hat mir geschrieben. Mitten in der Nacht. Sie hat Freizeitstress. In der vorherigen Nachricht habe ich sie provokant gefragt, was sie denn mit dem Freizeitstress verdr\u00e4ngen oder kompensieren muss. Darauf hat sie nicht geantwortet &#8211; muss sie auch nicht. Sie fragt mich statt dessen: &#8222;Du bist glaube ich nicht so der wortkarge Typ Mann, oder? (provokant kann ich auch \ud83d\ude09)&#8220; &#8211; wie online Dating doch einen verzerrten Eindruck hinterlassen kann &#8230; Nun, mit jemandem, der im Freizeitstress versinkt, wird eine Partnerschaft eher schwierig. Eine Partnerschaft geht man nicht mal so nebenbei ein. Irene wird fr\u00fcher oder sp\u00e4ter auch wieder gehen. Je fr\u00fcher, desto einfacher ist es. Mein kleines Problem ist nur: ich kann nicht einfach sagen &#8222;aus uns wird nichts&#8220; und auf das Kreuz dr\u00fccken. Denn ich wei\u00df es nicht. So lange es nur eine Frau ist mit der ich hin und her schreibe, ist das noch eine ganz nette Abwechslung. Fragen werden beantwortet. Ich habe auch ganz klar entschieden, dass ich jeder Spur folgen werde. Das geh\u00f6rt zur Challenge dazu.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt wird aber erst einmal Klavier gespielt. Ein Sonntag ohne Klavier? Nicht denkbar.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich muss das mal eben ganz kurz aufschreiben, was sich hier in der letzten halben Stunde abgespielt hat. Es ist Sonntag, kurz nach 8 Uhr. Drau\u00dfen hat es leicht geregnet. Ein grauer aber sch\u00f6ner Fr\u00fchlingsmorgen. Ich beschlie\u00dfe aufzustehen. 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