{"id":4067,"date":"2025-02-25T11:37:02","date_gmt":"2025-02-25T09:37:02","guid":{"rendered":"http:\/\/tressowblog.dtp-net.de\/?p=4067"},"modified":"2025-02-26T09:46:42","modified_gmt":"2025-02-26T07:46:42","slug":"radikal-emotional","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/tressowblog.dtp-net.de\/?p=4067","title":{"rendered":"Radikal emotional"},"content":{"rendered":"\n<p>Gestern war ich im Repetitorium f\u00fcr das ICD-10 Kapitel F1. Es geht um stoffgebundene S\u00fcchte, Alkohol, Drogen und all sowas. Eine Teilnehmerin fragte, ob es bew\u00e4hrte Mittel zur fr\u00fchen Pr\u00e4vention gibt. Im Raume stand, dass jemand die Behauptung aufgestellt hat, dass Kindern, denen Angst vor Konsequenzen gemacht wird, weniger suchtanf\u00e4llig w\u00e4ren. Auch wurde die These aufgestellt, dass Aufkl\u00e4rung \u00fcber die Gefahren ein wichtiger Beitrag zur Suchtpr\u00e4vention w\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Abends in der Transaktionsanalyse konnten wir die Tagesereignisse nat\u00fcrlich auch nicht ganz ausblenden. Auch dort bewegte alle Teilnehmenden die Frage, ob und wie wir denn einen weiteren Zerfall der Gesellschaft verhindern k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun komme ich mit meiner steilen These. Denn ich habe nat\u00fcrlich gestern auch einen Artikel \u00fcber dieses Thema angefangen. Bin aber im Entwurfsstadium h\u00e4ngen geblieben. Die Szene war wieder zu konkret auf meine eigene Situation beschrieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun versuche ich es nochmal mit neuem Impuls. Denn nach meiner \u00dcberzeugung gibt es nur einen einzigen Weg. Und dieser Weg hei\u00dft: radikal emotional. Radikal, das hei\u00dft von der Wurzel her, von Grund auf, vollst\u00e4ndig. Emotional hei\u00dft, das Gef\u00fchlsleben betreffend, das Gegenteil von kognitiv.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt habe ich schon die H\u00e4lfte der Leser verloren &#8230; ich mache aber weiter. Wir haben am letzten Sonntag gesehen, dass alle Demonstrationen das Kippen der Gesellschaft nicht aufhalten. Ja, ich gebe zu, die Erkenntnis ist bitter. Aber warum sollten wir davor die Augen verschlie\u00dfen? Und ja, die Marc-Uwes und Christian Ehrings und wie sie alle hei\u00dfen, schaue ich mir auch gerne an. Oder Berichte vom Zentrum f\u00fcr politische Sch\u00f6nheit. Gelegentlich. Aber: wir k\u00f6nnen nicht nicht an einen blauen Elefanten denken. Das hei\u00dft: wenn wir uns als Gegenbewegung verstehen, dann befassen wir uns genau mit dem Gedankengut der Hasser und Hetzer. Und damit ver\u00e4ndern wir unser Hirn &#8211; in einer negativen Art und Weise. Wir werden weniger emotional. Wir werden h\u00e4rter. Es geht so weit, dass es immer mehr Gewalt gegen Nazis gibt. Genau das gibt ihnen Best\u00e4tigung und Energie. Die Gesellschaft kippt weiter &#8230; und weiter &#8230; unaufhaltsam, der Kipppunkt ist m\u00f6glicherweise bereits \u00fcberschritten, sagen <a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/nachrichten\/info\/Soziologe-Waehler-Potenzial-der-AfD-ist-noch-nicht-ausgeschoepft,salheiser102.html\">f\u00fchrende Soziologen<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben eine gro\u00dfartige Gesellschaft mit nie da gewesenen Freiheiten. Wir haben die Wahl zwischen Wanderung im Harz und Kreuzfahrt in der Karibik. Wir k\u00f6nnen an unser Auto schreiben &#8222;Scholz ist doof&#8220;. Wir k\u00f6nnen jedwedes m\u00f6gliche Geschlecht annehmen. Wir k\u00f6nnen mit einem Porsche \u00fcber die Stra\u00dfen ballern oder mit einem Elektro SUV. Wir k\u00f6nnen den Lebenspartner oder die Lebenspartnerin entsorgen, den Job wechseln, den Wohnort wechseln wie es uns beliebt. Wir k\u00f6nnen jedwede sexuelle und nichtsexuelle Beziehungskonstellation in beliebiger Geschlechterkombination und Anzahl eingehen. Wir k\u00f6nnen essen was wir wollen. Wie verr\u00fcckt das ist? Ihr glaubt es nicht! Die Frage ist aber: k\u00f6nnen wir damit umgehen? Ich behaupte: nein! &#8211; Wir m\u00fcssen das lernen. Wir werden das kaum per Schulbuch lernen. Denn dieses Lernen ist viel komplexer und f\u00fcr jeden Menschen individueller, als dies jemals zwischen zwei Schulbuchdeckel gedruckt werden k\u00f6nnte. Und viel spannender. Und viel bereichernder. Was derzeit passiert: die Emotionen sind unkultiviert &#8211; sie spielen verr\u00fcckt. Es wird uns Angst gemacht vor Migration &#8211; vor allem dies! Und vor der Wirtschaft. Und vor dem Klima. Und vor dem Mitmenschen. Dadurch entgleist unser Gef\u00fchlsleben. Es spielt verr\u00fcckt. Diktatoren und Populisten wissen das. Sie nutzen das f\u00fcr ihre Zwecke. Per Tiktok. \u00dcber alle verf\u00fcgbaren Kan\u00e4le, aber besonders gerne \u00fcber das H\u00e4ndi. Warum das mit dem H\u00e4ndi so gut funktioniert? Es ist sehr einfach, dass die Menschen das H\u00e4ndi als ihr zweites Ich betrachten. Es ist ein faszinierendes technisches Ger\u00e4t mit nicht zu durchschauenden Funktionen. Es erweitert unsere F\u00e4higkeiten um neue Dimensionen. Zum Beispiel f\u00fcr Gedanken\u00fcbertragung. Binnen no time kann ich mit allen meinen Facebook Freunden kommunizieren. Ich kann in meinen Insta Account, wenn ich denn einen habe, irgend etwas rein schreiben und andere Menschen lesen das und liken das. Je mehr Menschen lesen und liken, desto mehr Dopamin sch\u00fcttet mein Hirn aus. Ich f\u00fchle mich gut, ich f\u00fchle mich best\u00e4tigt, ich f\u00fchle mich mit dem Ger\u00e4t verbunden &#8211; es wirkt genau so wie eine Sucht. &#8230; Viele Menschen sagen: ohne mein H\u00e4ndi kann ich nicht leben. Woher ich das wei\u00df? Ich bin auf einigen Datingplattformen unterwegs. Dort schreiben die Menschen genau dies. Und landen m\u00f6glicherweise genau deswegen dort. Und nein, ich kann sehr gut ohne mein H\u00e4ndi leben. Nun &#8230; dieses Ger\u00e4t, mit dem sich die Menschen so eng verbunden f\u00fchlen, das kann ja nicht die Unwahrheit sagen. Au\u00dferdem kann es wunderbar bewegte Bilder, Ton und Text \u00fcbermitteln. Ein unentwegter Strom von Unfug landet so in unseren K\u00f6pfen. Egal, von welcher Seite der Unfug kommt, ob von den Bef\u00fcrwortern oder den Gegnern &#8211; er landet in unseren K\u00f6pfen. Und veranstaltet dort wieder jede Menge Unfug. Es ist fast nicht m\u00f6glich sich dagegen zu stemmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache jetzt den Bogen einmal zur Eingangsfrage. Gibt es einen Zusammenhang zwischen Suchtgef\u00e4hrdung und Anf\u00e4lligkeit f\u00fcr kuriose Ideen und \u00c4ngste? Ja. Gibt es. In der Psychologie spricht man vom Vulnerabilit\u00e4ts-Stress-Modell. Das d\u00fcrft ihr gerne g00geln und es lohnt sich dies auch anzuschauen. Auf beide Faktoren, also sowohl die Vulnerabilit\u00e4t, als auch den Stress haben wir einen Einfluss. Mehr noch: Wir haben einen erheblichen Einfluss. Ob wird das H\u00e4ndi ein- oder ausschalten, ob wir den Fernseher ein- oder ausschalten, welches Programm wir w\u00e4hlen usw. das ist ja alles nicht beliebig: wir haben das f\u00f6rmlich in der Hand. Ob wir mit dem Lebenspartner unsere Empathief\u00e4higkeit trainieren oder ihm aus dem Weg gehen &#8230; es steht uns in jedem Moment frei. Bei der Vulnerabilit\u00e4t ist das etwas komplizierter. Ein gro\u00dfer Teil der Vulnerabilit\u00e4t wird uns in die Wiege gelegt. Ja, die Wissenschaft geht sogar von genetischen Faktoren aus. Aber das ist nicht alles. Wir m\u00fcssen den Bogen noch etwas weiter schlagen, denn Vulnerabilit\u00e4t ist schwer wissenschaftlich messbar. Es gibt aber Hinweise. So gibt es eine <a href=\"https:\/\/www.fau.de\/2014\/05\/news\/wissenschaft\/autoritative-erziehung-senkt-suizidrisiko-bei-jugendlichen\/\">Studie \u00fcber Suizidalit\u00e4t bei Kindern und Jugendlichen<\/a>. Es wurden verschiedene Faktoren einbezogen. Der einzige eindeutig signifikante positive Einflussfaktor war ein autoritativer Erziehungsstil. Kinder und Jugendliche, die einen autoritativen Erziehungsstil genossen haben, hatten ein signifikant geringeres Risiko f\u00fcr Suizidalit\u00e4t, waren also psychisch stabiler, hatten eine geringere Vulnerabilit\u00e4t. Und ja, hier in diesem Zusammenhang ist es durchaus zul\u00e4ssig die psychische Stabilit\u00e4t auf andere Bereiche zu \u00fcbertragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Vollst\u00e4ndigkeit halber: In der Studie werden auch Risikofaktoren f\u00fcr erh\u00f6hte Suizidalit\u00e4t genannt:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Dazu z\u00e4hlen das weibliche Geschlecht, ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-\/Hyperaktivit\u00e4tsst\u00f6rung), Rauchen, Rauschtrinken, Migrationshintergrund und Trennung der Eltern.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Ich gehe aber noch einen Schritt weiter. Offenbar entstehen in den Hirnen von Kindern, die Wertsch\u00e4tzung und Aufmerksamkeit durch beide Eltern gemeinsam und das Umfeld  erfahren Synapsenvernetzungen und Strukturen, die sie zuversichtlicher und lebensf\u00e4higer machen. Wenn ihr mich fragt: genau solche Menschen werden in der Zukunft gebraucht. Und zwar viele davon.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem autoritativen Erziehungsstil bin ich auch nur teilweise einverstanden, muss das aber erst einmal so hinnehmen. Denn auch dies kann missverstanden werden. Es kann so verstanden werden, dass m\u00f6glichst viele Verbote den Kindern helfen &#8211; was nach meiner Erfahrung und \u00dcberzeugung definitiv nicht der Fall ist. Die Wikipedia schreibt, dass im autoritativen Erziehungsstil &#8222;ein hohes Ma\u00df an Autorit\u00e4t&#8220; ausge\u00fcbt wird. Dies w\u00fcrde ich sehr gerne weiter untersucht wissen. Ich bin der \u00dcberzeugung, dass vor allem das Entengen und das Vorbild der Elternenten daf\u00fcr sorgt, dass die Kinder auch Vernunft und Verantwortung lernen. Ich habe einen gewissen Horror vor diesen Autorit\u00e4tseltern. Das kann ja so weit gehen, dass man den Thesen des Verbrechers Winterhoff folgt, der nachgewiesen jahrelang mindestens 900 Kinder mit harten Neuroleptika sediert hat. In der Presse wird derzeit gerne von 30 Kindern geschrieben. Das ist falsch! Es sind nur diejenigen F\u00e4lle, die vor Gericht verhandelt werden. Seine B\u00fccher werden immer noch ohne Warnhinweis verkauft &#8230; Es w\u00fcrde aber auch bedingen, dass sich die Eltern vorbildhaft verhalten. Wie wollen Eltern, die selbst s\u00fcchtig sind nach H\u00e4ndi, Nikotin, Alkohol, Drogen, Medikamenten, Arbeit, Gl\u00fcckspiel &#8230; ihren Kindern glaubhaft machen, dass Sucht keine Bew\u00e4ltigungsstrategie ist? Das ist schlicht unm\u00f6glich, da sie sich dadurch selbst unglaubw\u00fcrdig machen. Und das ist dasjenige was ich meine. Wenn wir eine andere Gesellschaft haben wollen, dann m\u00fcssen wir sie eben machen. Auch als Eltern. Und unsere Verantwortung wahrnehmen &#8211; auch wenn es l\u00e4stig erscheint. Meine Erfahrung: es ist \u00fcberhaupt nicht l\u00e4stig. Es ist erf\u00fcllend und bereichernd &#8211; auch als Alleinerziehender. In jedem Moment. Wenn ich mir aber etwas w\u00fcnschen d\u00fcrfte, so w\u00e4re es dann doch die ganze Familie. Selbst, wenn ich diesen Wunsch unerf\u00fcllt ins Grab mitnehme. Es bleibt dies ein radikal emotionaler Wunsch, den ich als solchen akzeptiere.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies mal als ein Manuskript.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-white-color has-text-color has-link-color wp-elements-d457a240da0e37a666a134d20b8fd71e\">Psychologen sind zu dem Schluss gekommen, dass Menschen, die in der Schule keine hervorragenden Sch\u00fcler waren, ein erfolgreiches Leben f\u00fchren &#8230;<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"has-white-color has-text-color has-link-color wp-elements-d461aa83244f86fc94812b9d831256af\">Schrieb mir eine Chatpartnerin aus der Ukraine einmal.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern war ich im Repetitorium f\u00fcr das ICD-10 Kapitel F1. Es geht um stoffgebundene S\u00fcchte, Alkohol, Drogen und all sowas. Eine Teilnehmerin fragte, ob es bew\u00e4hrte Mittel zur fr\u00fchen Pr\u00e4vention gibt. Im Raume stand, dass jemand die Behauptung aufgestellt hat, &#8230; <a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/tressowblog.dtp-net.de\/?p=4067\">Read More &raquo;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-4067","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/tressowblog.dtp-net.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4067","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/tressowblog.dtp-net.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/tressowblog.dtp-net.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/tressowblog.dtp-net.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/tressowblog.dtp-net.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4067"}],"version-history":[{"count":13,"href":"http:\/\/tressowblog.dtp-net.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4067\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4086,"href":"http:\/\/tressowblog.dtp-net.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4067\/revisions\/4086"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/tressowblog.dtp-net.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4067"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/tressowblog.dtp-net.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4067"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/tressowblog.dtp-net.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4067"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}